Die StadtschlossJury hatte einen heimlichen Liebling

Die Stadtschloss-Jury hatte einen heimlichen Liebling

Von Isabell Jürgens

Ein Italiener soll das Berliner Stadtschloss bauen – doch ein anderer Entwurf gefiel der Jury am besten. Der Vorschlag eines Berliner Architektur-Büros entsprach allerdings nicht den Vorgaben. In vier Wochen können sich die Berliner selbst ein genaues Bild machen.

Einstimmig hat sich das Preisgericht am Freitag zum Bau des Humboldt-Forums auf dem Schloßplatz für den Entwurf des Italieners Franco Stella ausgesprochen. Nach den vielen kritischen Äußerungen von Jury-Mitgliedern im Vorfeld dieser Entscheidung, war das die eigentliche Überraschung des Tages. Und um der Öffentlichkeit zu demonstrieren, wie klar der Vorsprung des Siegerentwurfes vor allen anderen Teilnehmern gewesen ist, hatte die Jury dann auch noch auf die Vergabe eines zweiten Preises verzichtet. Doch so groß das öffentlich vorgetragene gemeinsame Lob auch war: Die Schwächen von Franco Stellas mit 100.000 Euro prämierten Entwurf sind der Jury durchaus bewusst. Das belegen Sitzungsunterlagen der Jury, die WELT ONLINE vorliegen.

Darin heißt es unter anderem: „Die Jury diskutiert kontrovers den neuen östlichen Gebäudeabschluss, das in seiner Funktion als Loggien- und Treppenhaus bezeichnete Belvedere.“ Die Juroren bezweifeln, „ob es diesem Gebäudeteil, der als ein auf schmaler Grundfläche vielgeschossiger öffentlicher Ort angelegt ist, tatsächlich gelingen kann, Raum- und damit Aufenthaltsqualität zu erzeugen“. Weiter bedauern die Mitglieder, dass „insgesamt historische Innenraumsequenzen wie Paradekammern und Kunstkammern und Treppenanlagen nicht wieder im Grundsriss angelegt werden“.

Doch auch die Entwürfe der mit 30.000 Euro prämierten vier dritten Preise der Büros Eccheli e Campagnola, Christoph Mäckler, Kleihues und Kleihues sowie Kollhoff Architekten wiesen nach Auffassung von Jurymitgliedern Mängel auf. So heißt es etwa über den Entwurf von Kollhoff: „Die verbindenden Funktionen der Agora werden vernachlässigt – das Auditorium kann nur über einen getrennten Zugang vom Schlüterhof über lange Kellergänge erreicht werden.“ Oder über den Entwurf von Jan Kleihues: „ Die Kostenobergrenze ist überschritten, die Kennwerte für die Flächeneffizienz sind nicht eingehalten.“

Die Vergabe eines Sonderpreises ist in jedem Bauwettbewerb ein beliebtes Mittel, um einen Favoriten öffentlich präsentieren zu können, der eigentlich chancenlos wäre, weil er die Vorgaben des Bauherren einfach ignoriert. Die Jury, der unter anderem Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD), Kulturstaatsminister Neumann (CDU) und Architekten wie David Chipperfield, Hans-Günter Merz und Gesine Weinmiller angehören, griff zu diesem Mittel, um den Entwurf von Kuehn Malvezzi Architekten aus Berlin hervorzuheben. Der verzichtet einfach auf die vorgeschriebene Kuppel und setzt dem Humboldt-Forum einen modernen Glasbau auf. Die Auszeichnung ist mit 60.000 Euro dotiert – und der Empfänger rutscht damit symbolisch auf den zweiten Platz der Wertung.

Offiziell zur Realisierung empfohlen bleibt der Entwurf von Stella. Ob der tatsächlich gebaut wird, entscheiden jetzt die Parlamentarier: Das Ergebnis wird dem Bundestag zur Billigung vorgelegt. Nach Abschluss der Planungsphase soll 2010 der erste Spatenstich erfolgen.

Ab Mittwoch und bis zum 21. Dezember bietet eine Ausstellung die Gelegenheit, alle 30 Entwürfe, die es in die zweite Wettbewerbsphase geschafft hatten, zu studieren. Ort und Zeit: Kronprinzenpalais, Unter den Linden 3, täglich 12 bis 20 Uhr.

Die Welt, 29.11.2008