Die Schlossklemme

Die Schlossklemme

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Die Vergabe der Finanzmittel des Bundesbauministeriums aus dem Konjunkturprogramm II an sanierungsbedürftige Kulturdenkmäler folgt der richtigen Einsicht, dass das kulturelle Korsett der Gesellschaft gerade in Krisenjahren dringend gebraucht wird. Es ist deshalb in Wahrheit keine Debatte über das Schloss, die bei den Koalitionsverhandlungen geführt wird, es ist die nachgereichte, nie ganz verglommene Ranküne gegen die Hauptstadt Berlin. Seit dem Bundestagsbeschluss von 1991 hat es immer wieder Gemurre über die angeblich allzu zentralistische, auf den Regierungssitz fixierte Kulturpolitik des Bundes gegeben.

Das wiederaufgebaute Schloss wäre ein weithin sichtbares Zeichen dieser Politik. Jene Kräfte, die es vorerst preisgeben wollen, zielen über das Schloss auf die kulturelle Kompetenz des Bundes selbst. Gerade darum muss man ihnen jetzt Einhalt gebieten. Dass sich der scheidende Bundesbauminister mit seiner herabgetrimmten Kostenkalkulation verspekuliert, dass seine Behörde den Architektenwettbewerb und die Auftragsvergabe für das Gebäude offenbar nach- und fahrlässig gehandhabt hat, ist die eine Sache. Das Schloss selbst ist eine ganz andere. Sein symbolischer Nutzen hat seinen Marktwert von vornherein um ein Vielfaches überstiegen. Jetzt ist nur die Frage, ob es zum Symbol des Gelingens oder des Scheiterns der Kulturpolitik des wiedervereinigten Deutschland wird. Der neue Bundesbauminister, der hoffentlich nicht aus den Reihen der Schloss-Skeptiker rekrutiert wird, sollte diese Frage so bald wie möglich beantworten, sonst blamiert er sich ebenso wie Tiefensee. Eine Verschiebung des Schlossbaus wäre kein Gebot der Not. Sie wäre ein Armutszeugnis.

FAZ, 16.10.2009