„Die Regierung muss sich bekennen“
Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses sollte 670 Millionen Euro kosten – jetzt veranschlagt ein neues Konzept nur noch 480 Millionen. Im Interview mit Spiegel online erklärt Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des „Fördervereins Berliner Stadtschloss“, warum er auf ein klares Signal der Bundesregierung hofft.
Spiegel online: Das Bundesbauministerium hat ein Konzept vorgelegt, nach dem der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses schneller und vor allem erheblich billiger über die Bühne gehen soll. Sind Sie erleichtert?
von Boddien: Ich sehe das natürlich mit Freude. Die Gegner des Schlosses haben immer von Baukosten von bis zu 1,2, Milliarden phantasiert. Auch, wenn im Entwurf ursprünglich geplante Nutzungs-Ideen wie Hotel oder Tiefgarage wegfallen: Ich kann mit dem neuen Konzept wunderbar leben. Genugtuung empfinde ich aber erst dann, wenn das Haus eingeweiht ist und ich meine Verpflichtung erfüllt habe.
Spiegel online: Bislang hält sich der Bund in Sachen Wiederaufbau bedeckt. Trotz eines Bundestagsbeschlusses sind die finanziellen Mittel bislang nicht bewilligt worden. Werden Sie langsam nervös?
von Boddien: Ich werde natürlich ungeduldig. Denn im Koalitionsvertrag für den Bereich Kultur steht wörtlich, dass die Bundesregierung über den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zügig entscheiden wird. Mittlerweile ist die Regierung ein gutes Jahr alt: Eine Entscheidung könnte also allmählich getroffen werden.
Spiegel online: Heißt das, der Bund soll ein klares Zeichen für das Stadtschloss setzen?
von Boddien: Der Bund wird ein klares Signal geben. Ich gehe nicht davon aus, dass es ein massives Dementi zum neuen Finanzierungskonzept geben wird. Natürlich gilt es nach wie vor, den Finanzminister Peer Steinbrück für das Vorhaben zu gewinnen. Aber nach diesem Entwurf kann ich mir vorstellen, dass es gelingen wird – vor allem, wenn man sich anschaut, wofür in Deutschland noch alles Geld ausgegeben wird.
Spiegel online: Könnte ein Appell von Bundeskanzlerin Angela Merkel helfen?
von Boddien: Es würde schon reichen, wenn Minister Wolfgang Tiefensee zu einer Pressekonferenz einlädt und das Konzept im Auftrag der Bundesregierung vorstellt. Und neben ihm sitzt Herr Steinbrück, der sagt: Wir haben uns über die Finanzierung geeinigt, es geht los. Und wenn er dann noch öffentlich für die Spendensammlung eintritt, dann haben wir den Durchbruch geschafft. Weil wir sehr viele Spender haben, die hohe Beträge geben wollen – aber bitte erst nach einem Signal der Bundesregierung, dass das Projekt wirklich realisiert wird.
Spiegel online: Selbst wenn die Regierung Ihnen Rückendeckung gibt: Das Konzept sieht vor, dass ihr Verein 80 Millionen Euro an Spendengeldern zuschießen soll. Ist das realistisch?
von Boddien: So etwas in einem oder in zwei Jahren zu schaffen, ist unmöglich. Wir haben jetzt 13,6 Millionen zusammen. Davon etwa sieben Millionen durch feste Zusagen von Leuten, die sagen: Wenn es losgeht, bekommt ihr unser Geld. Diese Summe haben wir seit 2004 akquiriert – und zwar ohne jede öffentliche moralische Unterstützung der Exekutive. Um weitere Menschen zu mobilisieren, müssen sich Bundesregierung und der Senat endgültig zum Stadtschloss bekennen, so wie Hamburg es bei der Elbphilharmonie kürzlich erfolgreich vormachte.
Spiegel online: Allerdings ist die Begeisterung für ein rekonstruiertes Stadtschloss unter Berlinern nicht so ausgeprägt wie etwa in Dresden, als es um den Wiederaufbau der Frauenkirche ging.
von Boddien: Auch vor dem Wiederaufbau der Frauenkirche tönten die Skeptiker am Lautesten. Die richtige Euphorie ging erst los, als die Bauarbeiten starteten. Danach waren die Neinsager plötzlich still. Ähnlich wird es beim Berliner Schloss laufen, da bin ich mir ganz sicher – das Rezept ist das gleiche.
Spiegel online: In Braunschweig ist das 1960 abgerissene Residenzschloss von einem Privatinvestor neu aufgebaut worden – und zwar als Einkaufszentrum. Ist eine solche Nutzung auch für das Berliner Stadtschloss denkbar?
von Boddien: Braunschweig hatt keine andere Chance, schon aus finanziellen Gründen das Projekt wie Berlin oder Potsdam zu realisieren. Braunschweig ist heute kein Vorbild, weil es ein noch überwiegend kommerzielles Projekt mit Schlossfassade ist. Eine solche Nutzung kommt für Berlin nicht in Frage. Das mag sich im Laufe der Jahre in Braunschweig aber auch noch zugunsten der Kultur ändern. Glücklicherweise hat der Bundestag ja entschieden, dass das Berliner Schloss anders genutzt werden soll. Sie können die Mitte der Hauptstadt, einen hochpolitischen Grund und Boden seit Jahrhunderten, nicht mit einer Shopping-mall definieren.
Spiegel online: Also begrüßen sie die Vorschläge des Bauministeriums, das wiederaufgebaute Schloss ausschließlich für kulturelle Zwecke zu nutzen?
von Boddien: Definitiv ja. Wir waren von Anfang an gegen das Hotel. Die Überlegungen der Planer, etwa die außereuropäischen Sammlungen der staatlichen Museen und eventuell auch die Zentral- und Landesbibliothek unterzubringen, wird dem Stadtschloss gerecht.
Spiegel online: Herr von Boddien, glauben Sie, dass Sie das rekonstruierte Stadtschloss noch erleben werden?
von Boddien: Davon gehe ich aus. Wenn das neue Finanzierungskonzept greift, dann ist ein Baubeginn im Sommer 2009 durchaus realistisch. Ich hoffe, dass die Bundesregierung den jetzigen Entwurf als Stein des Anstoßes nimmt. Noch habe ich das Vertrauen in die Realisierung nicht verloren, sonst hätte ich meine Arbeit längst eingestellt.
Spiegel online, 23.01.2007
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