Die Nervensäge

Die Nervensäge

Nikolaus Bernau

Der Berliner Architekt und Stadtplaner Philipp Oswalt nervt. Vor allem und gerne die Freunde der Schlossfassadenrekonstruktion. Immer wieder deutet Oswalt darauf hin, dass Wilhelm von Boddien, Geschäftsführer des Schlossvereins, bisher nur einen Bruchteil jener 80 Millionen Euro zusammen hat, die er 2006 dem Bundestag für den Fassadennachbau versprach – und diesem damit erst die Legitimation verschaffte, den Palast-Rohbau abzureißen, statt ihn aus- und weiterzubauen. Das forderte damals Oswalt, der die erfolgreiche „Zwischennutzung“ mit organisierte. Jetzt will er endlich wissen, wie das Konzept für das künftige Humboldt-Forum aussieht.

Oswalt hat ein für auf Vergessen setzende Politiker fatal gutes Gedächtnis. Und ein gutes Archiv, so, wie es einem Forscher, der an der Technischen Universität seit Jahren über das Schrumpfen der Städte forscht, zukommt. Sein Archiv verrät, dass die Ideen für das Humboldt-Forum seit Jahren kaum konkreter geworden sind. Auch die jüngsten Äußerungen des Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger zeigen vor allem, dass bisher von einem übergreifenden die Einzelinteressen verbindenden Konzept nicht die Rede sein kann. Dabei soll schon Ende November der Architekten-Wettbewerb zum Wiederaufbau entschieden werden. Peinlich für die Schlossfans und die Preußen-Stiftung, dass ausgerechnet Oswalt, der Forums- und Fassadenkritiker, jetzt die erste Internetseite eröffnet hat, in der endlich über das große Ganze debattiert werden kann (www.schlossdebatte.de). Die staatlichen Stellen brachten dazu weder die Kraft noch den Mut auf.

Lange kritisierte Oswalt, dass Boddiens Schlossförderverein nicht durchsichtig abrechne, was von den Spenden als Gehalt an den Geschäftsführer Boddien geht, was für Werbung verwandt wird, was die Bildhauer für ihre Probemodelle erhalten. Die Modelle von Adlern und Fensterrahmen werden immer noch produziert. Immer noch plant das Architekturbüro Stuhlemmer für den Verein die Fassadenrekonstruktion, obwohl das Bundesbauministerium schon mehrmals festgestellt hat, dass man vom Verein nicht fertige Bauteile und Planungen, sondern nur Bares erwartet.

Zweifellos vergaloppiert Oswalt sich auch manchmal. Dass Museen dezentralisiert werden müssen, ist kalter Kaffee aus den 60er-Jahren. Seine Idee, dass am Schlossplatz ein selbstorganisiertes Kulturzentrum entstehen kann, blanke Romantik. Auch ist seine Fehde mit Boddien nicht immer nachvollziehbar. Aber seine Forderung, endlich in breiter Öffentlichkeit darüber zu diskutieren, was in dem Humboldt-Forum eigentlich passieren wird – damit ist mehr gemeint als nur die Quadratmeteraufteilung auf die verschiedenen Nutzer – ist ebenso wichtig und richtig wie der Hinweis, dass außerhalb Berlins die Schlossfassadenrekonstruktion als unsinnig betrachtet wird. Daher ist Oswalt nötig in einer Stadt, die so gerne auf ihre Eigenpropaganda hereinfällt. Selbst wenn er nervt.

Berliner Zeitung, 28.08.2008