Die Kunsthalle am Schlossplatz ist gefährdet

Die Kunsthalle am Schlossplatz ist gefährdet

Wolfram Putz mag es stabil beim Bauen. „Man sollte zur Not auch einen Panzer an die Wand hängen können, niemand weiß, was die Künstler vorhaben“, sagt der Architekt. Putz ist Teil des Architekturbüros „graft“, das mit seiner Verbindung zu dem Schauspieler Brad Pitt schlagartig in der Boulevardpresse bekannt wurde. In der Bauszene erregt das Architekturtrio derzeit Aufsehen mit anderen spektakulären Plänen. Zum Beispiel mit dem wegen seines Aussehens „Wolke“ genannten Entwurf für eine temporäre Kunsthalle auf dem Berliner Schlossplatz. In ihr soll Gegenwartskunst gezeigt werden.
Vielleicht muss Putz, der Anhänger solider Bauweise, nun aber umdenken. Denn für die Zwischennutzung des Schlossplatzes nach Abriss des Palastes der Republik und vor dem Neubau des Schlosses bleibt weniger Zeit als bisher angenommen: nur ein, maximal anderthalb Jahre. „Das Interesse des Bundes ist, das Schlossprojekt mit Kraft voranzutreiben und zügig zu errichten“, sagte Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) Ende April. Und seither werden immer zeitnahere Termine für einen Wiederaufbau der alten Königsresidenz genannt. War dafür noch im letzten Jahr 2012 als Termin genannt worden, wird der Wiederaufbau nach Tiefensees Wünschen nun schon 2010 beginnen. Der Rohbau samt 74 Meter hoher Kuppel könnte im Frühjahr 2012 fertig sein. 2013/14 sollen dann die Sammlungen der Dahlemer Museen dort einziehen.Der Bauplatz wird durch die Verzögerungen beim Abriss des Palastes der Republik nicht vor 2008 frei. Erst dann könnte Putz‘ „Wolke“ oder das konkurrierende „White Cube“-Projekt für eine Kunsthalle (Kasten) realisiert werden.Seit Tiefensees Bekenntnis ist die Debatte um den Wiederaufbau des Schlosses kaum mehr zu bremsen. Sogar Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) sagte nach langem Zögern einen Beitrag des Landes in Höhe von 32 Millionen Euro für den Schlossneubau zu. Anfänglich hatte er dies strikt abgelehnt.Über lange Zeit hinweg wurde nur diskutiert, aber sonst nicht viel mehr getan. Bereits kurz nach Kriegsende und zu DDR-Zeiten forderte die Akademie der Wissenschaften, das Gebäude mit seiner barocken Prunkfassade wiederaufzubauen. Doch die DDR-Regierung lehnte dies aus ideologischen Gründen ab. Die dann 1950 geschleifte Hohenzollernresidenz war für sie Ausdruck einer ungeliebten Zeit, die so nichts mit sozialistischen Zielen gemein hatte.Dass nun soviel Dynamik in die Debatte gekommen ist, ist erstaunlich angesichts der Jahrzehnte völligen Stillstands in dieser Angelegenheit. Architekt Putz jedenfalls sucht bereits nach Möglichkeiten, seine Interims-Kunsthalle früher aufzustellen. Seine Idee: Vielleicht ein bisschen neben den Platz, wo noch die Reste des Palastes der Republik stehen. „So könnte die Halle länger bleiben“, hofft Putz. Doch seinen Vorstoß wertet er selbst als „Stich ins Wespennest“. Keine Chance für die über Sponsoring finanzierte Kunsthalle, die einen „einstelligen Millionenbetrag im oberen Bereich“ kosten soll. Denn auch der benachbarte Platz ist heiß begehrt – unter anderem von Archäologen, aber auch von Bauherren, die dort investieren möchten.Bei soviel Einsatz verstört es ihn, dass sich die Politik mit aller Kraft auf den mit 480 Millionen Euro veranschlagten Neubau konzentriert. 32 Millionen davon trägt Berlin, den Rest der Bund. Die 80 Millionen Euro, die für die historische Fassade vorgesehen sind, sollen vom „Förderverein Berliner Schloss“ durch Spenden bezahlt werden. Rund 14 Millionen sammelte der 1992 von dem Hamburger Kaufmann Wilhelm von Boddien gegründete Verein nach eigenen Angaben bisher. 66 Millionen Euro fehlen somit noch.Den Steuerzahler kostet das Schloss also mindestens 400 Millionen Euro. Trotz der immensen Summe ist Tiefensee entschlossen, das Schloss möglichst bald wieder zu errichten. Und zwar so sehr, dass er jüngst sogar den Vorschlag eines unbekannt gebliebenen Investors zum Wiederaufbau des Schlosses zurückwies. Dieser hatte angeboten, das Schloss als „Hotel Preußen“ im historischen Gewand mit Einkaufszentrum, Appartements, Büros, Kultur auf eigene Kosten zu erreichten. Tiefensee ließ brüsk durch einen Sprecher erklären: „Der Bundestagsbeschluss für die Zukunft des Schlossareals sieht nicht vor, ein Einkaufszentrum zu errichten.“ Eine Äußerung, die etwa die Hauptstadt-FDP scharf verurteilte. „Man sollte das Engagement von Bürgern nicht einfach so zurückweisen. Ich meine nicht, dass man diesen Vorschlag unbedingt annehmen sollte. Aber wenigstens sorgfältig prüfen sollte man ein solches Angebot sehr wohl“, sagte FDP-Fraktionschef Martin Lindner. Bei etwas mehr Zeit hätte auch die temporäre Kunsthalle eine realistische Chance. Architekt Putz lässt sich keine Zahl entlocken. Aber er klingt nicht so, als ob er mit einem Jahr Standzeit für die Halle zufrieden wäre. Doch zu seinem Glück machte das Kunststoffhaus von „graft“ auch international Furore. Und so plant Putz, die auf- und abbaubare Kunsthalle in andere Städte rund um die Welt zu schicken – als „Botschafter der jungen deutschen Kunst“. Mit oder ohne Berlin.
Die Welt, 03.06.2007