Die Info-Box ist fast fertig – und sinnlos
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Die Entscheidung der Bundesregierung, den Wiederaufbau des Berliner Schlosses zu verschieben, ruft die Kritiker des Prestigeprojekts wieder auf den Plan. So fordern etwa Politiker der Linkspartei und der Grünen, grundsätzliche Fragen wie die nach der Fassadengestaltung oder der künftigen Nutzung des als Humboldt-Forum bezeichneten Gebäudeensembles auf dem Schloßplatz neu zu diskutieren.
Dagegen signalisierte Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU), nun doch schon 2013 – und damit ein Jahr früher als vom Bundeskabinett geplant – mit dem Wiederaufbau des Berliner Schlosses beginnen zu wollen. Damit könnte der Projektstart noch unter der Ägide der aktuellen Bundesregierung erfolgen. Zuvor waren Befürchtungen laut geworden, dass bei einem möglichen Regierungswechsel nach der Bundestagswahl das Projekt ganz beerdigt werden könnte.
Debatte über Barock-Fassade
Die Befürchtung scheint nicht unbegründet. So sieht etwa der Vorsitzende des Stadtentwicklungsausschusses im Berliner Abgeordnetenhaus, Thomas Flierl (Linke), jetzt die Chance gekommen, „eine Reihe gravierender Änderungen“ am Konzept vornehmen zu können. „Vielleicht müssen wir sogar den ganzen Wettbewerb überdenken“, sagte Flierl. Die Fassade etwa müsse den Bedürfnissen des Humboldt-Forums angepasst werden, sagte Flierl, der seit Langem gegen die Wiederherstellung der barocken Fassade des einstigen Schlosses plädiert.
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Wichtig sei, dass der Bundestagsbeschluss zum Bau des Humboldt-Forums nicht aufgehoben werde. „Bis dahin sollte das Bundesbauministerium die Gelegenheit nutzen, um die tatsächlichen Baukosten neu zu berechnen“, sagte Becker. 552 Millionen Euro würden nicht ausreichen, um ein qualitätvolles Gebäude wie das Humboldt-Forum zu errichten. „Es wäre fatal, wenn ab dem Jahr 2014 erneut eine Debatte entflammt, weil weiterhin mit geschönten Berechnungsgrundlagen gearbeitet wird. Das würde zu einem erheblichen Vertrauensverlust bei Sponsoren, Spendern und in der Bevölkerung führen.“
Auch die Frage, was im Inneren des Gebäudeensembles geschehen soll, wollen jetzt einige Schloss-Kritiker neu diskutieren. „Wir müssen jetzt vor allem das inhaltliche Konzept des Forums qualifizieren“, sagte Franziska Eichstädt-Bohlig, Stadtentwicklungs-Expertin der Grünen, die jedoch die Fassaden-Debatte nicht erneut führen will. „Wir sollten erst die Grundstruktur und dann die Fassade Stück für Stück drumherum bauen, so schnell, wie Spenden dafür eingehen.“ Notfalls müsse das Gebäude eben Jahrzehnte ohne barocke Fassade auskommen. Die Vorsitzende des Kulturausschusses, Alice Ströver (Grüne), sieht in den Sparplänen der Bundesregierung vor allem „Missachtung und Misstrauen gegenüber Berlin als Stadt und als Hauptstadt“. Die rot-rote Landesregierung habe dem Bund zu viel Verantwortung für das Projekt überlassen. „Der Bund will das Projekt nicht verschieben, sondern absagen“, ist sich Ströver sicher.
Völlig unklar ist jetzt auch, was aus der Humboldt-Box wird. Das Informationszentrum kostet fünf Millionen Euro und ist fast fertig. Doch zu sehen gibt es in den nächsten Jahren nichts.
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Ramsauer hatte sich nach der Sparklausur damit gerühmt, dass die Investitionen im Verkehrs- und Baubereich weitgehend unangetastet geblieben seien. Allein für 2011 stehen rund zehn Milliarden Euro für Investitionen zur Verfügung. Der Wiederaufbau des Schlosses, der mit 440 Millionen Euro aus Bundesmitteln finanziert werden soll, war das einzige Großprojekt, bei dem der Rotstift angesetzt wurde.
Doch ob der Bund gut anderthalb Jahre nach dem Wettbewerb und der Beauftragung des Italieners Franco Stella als federführender Architekt überhaupt noch nennenswerte Summen einsparen kann, ist fraglich. So hat der Hauptnutzer des künftigen Humboldt-Forums, die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, bereits einen Sanierungsbedarf von rund 200 Millionen Euro angemeldet, falls ihre Sammlungen über 2017 hinaus in den maroden Gebäuden in Dahlem bleiben müssen. Zudem drohen laut Berliner Baukammer deftige Schadenersatzforderungen. „Mit der Entscheidung, den Bau um drei Jahre zu verschieben, ist die Bundesregierung wortbrüchig geworden und hat ihre vorvertraglichen und vertraglichen Pflichten verletzt“, sagte der Geschäftsführer der Kammer, Peter Traichel.
Berliner Morgenpost, 09.06.2010
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