Die Fremde bei uns

Die Fremde bei uns

Von Bernhard Schulz

Ein Jahr des Wandels steht der Stiftung Preußischer Kulturbesitz bevor. Neuer Präsident, neuer Generaldirektor der Museen, neuer Leiter der Nationalgalerie – die Spitze des Berliner Kulturimperiums wechselt. Die designierten Chefs werden an die fünfzehn Jahre zusammenarbeiten. Und werden einmal daran gemessen werden.

Gewiss ist die Preußen-Stiftung auf einem guten Weg. Alles scheint besprochen, entschieden, nur noch der Vervollständigung harrend. So jedenfalls wollen die scheidenden Amtsinhaber ihr Feld bestellt sehen. Doch noch jeder Führungswechsel birgt seine eigene Dynamik. Umso mehr, wenn bei Vorhaben wie der Sanierung der Museumsinsel zahllose Einzelentscheidungen im Laufe der Baufortschritte zu treffen sind, oder mit dem Humboldt-Forum gar ein Riesenprojekt ansteht, das über die grandiose Idee hinaus erst noch bis in alle Verästelungen hinein bedacht werden muss.

Und umgekehrt: Das Humboldt-Forum, gedacht als kühner Sprung in die Gegenwart einer multikulturellen, globalisierten und unüberschaubar verflochtenen Welt, wird auch das Selbstverständnis der Preußen-Stiftung verändern. Mit den klassischen Aufgaben von Museen und Bibliotheken – diesen beiden Säulen der Stiftung –, dem Sammeln, Bewahren und Zugänglichmachen von Objekten aus Kunst, Archäologie und Buchproduktion, ist es nicht länger getan. Nicht allein die Kunstschätze, auch die Probleme der Welt drängen in die Mitte Berlins.

Der „globale Dialog“ wird gern beschworen, als ob uns der Zusammenstoß von Kulturen und Religionen nicht tagtäglich vor Augen stünde. Ob solche Konfrontation lediglich Reibung erzeugt oder doch Schlimmeres, kann im Einzelnen nie vorab gesagt werden. Jedenfalls ist der „Dialog“ stets fragil, und mitunter genügt eine Zeitungskarikatur, ihn unter wütendem Protestgeschrei zu ersticken. Oder eine „Idomeneo“-Inszenierung an der Deutschen Oper Berlin.

Nicht nur, aber auch solche Konflikte wird das Humboldt-Forum zu gewärtigen haben, soll es mehr sein als ein Schaufenster abendländischen Sammeleifers. Auch die wissenschaftliche Arbeit der Preußen-Stiftung wird forciert werden müssen, um den Berliner Heimatsitz der Kulturschätze aus aller Welt mit entsprechenden Forschungsleistungen zu rechtfertigen. Denn das kulturelle Erbe, in einer Welt der Vereinheitlichung immer kostbarer zur Begründung einer eigenen Identität, steht im Blick nationaler Begehrlichkeiten, wie die Anstrengungen islamischer und asiatischer Mächte um den Rückerwerb bislang im Westen zirkulierender Objekte zeigt. Die vom Zweiten Weltkrieg gebeutelte Preußen-Stiftung, die zu Recht auf die Rückgabe ihres damals verschleppten Eigentums pocht, wird sich ihrerseits der Frage stellen müssen, wohin Kulturgüter im Einzelfall gehören sollen. Und welchen Charakter sie überhaupt tragen – den eines Kunstwerks, eines sakralen Objekts oder eines ethnisch verwurzelten Identitätsstifters.

All das sind Fragen und Aufgaben, die sich nicht im Blitzlichtgewitter spektakulärer Entscheidungen bewältigen lassen, wie sie die Stiftung in den vergangenen Jahren so oft erlebt hat, als es galt, die Politik für die Finanzierung der gewaltigen Bauvorhaben in Berlins Mitte zu gewinnen. Aber es sind Fragen, diffus noch, die gleichwohl mehr und mehr auf Antwort drängen. Es sind Aufgaben, vor denen die neue Führungsspitze steht.
Tagesspiegel, 23.12.2007