Die Echtheit der alten Steine

Die Echtheit der alten Steine

Die Echtheit der alten Steine

Deutschland streitet über den
Wiederaufbau historischer Gebäude.

Seit dem Wiederaufbau der im Zweiten
Weltkrieg zerstörten Dresdner Frauenkirche
gibt es in Deutschland eine Debatte über die
Legitimität von Rekonstruktionen. Die meisten
Fachleute nehmen eine ablehnende Haltung
ein, obwohl es auch Argumente für die
Rekonstruktion gibt.

Die erfolgreiche Wiedererrichtung der
Dresdner Frauenkirche hat in Deutschland das
Bedürfnis nach der Rekonstruktion von im
Zweiten Weltkrieg zerstörten, symbolisch
bedeutenden Bauten sowie der
Wiederherstellung alter Stadtteile erneut
geweckt. Sie hat aber auch eine lebhafte
Debatte um die architektonische Legitimität
solcher Rekonstruktionen ins Leben gerufen.
Dabei stehen sich Befürworter und Gegner
unversöhnlich gegenüber. Auf der einen Seite
findet man die Vertreter von Initiativen, die
leidenschaftlich für die Rekonstruktion eines
Bauwerks eintreten, auf der andern die
Mehrheit der Architekten,
Kunstwissenschafter und Denkmalpfleger.

Obsoleter Radikalismus

In den meisten Äusserungen der
Rekonstruktionsgegner kehrt das Argument
wieder, es handle sich bei den
Rekonstruktionen letztlich um Täuschungen.
Die neu errichteten Bauten gäben nur vor,
historische Bauwerke zu sein. Dadurch werde
aber beim Betrachter der Sinn für das echte
historische Denkmal und dessen
Geschichtlichkeit untergraben. Besonders fatal
seien Rekonstruktionen, bei denen man sich
aus Kostengründen oder aufgrund des
Nutzungskonzepts auf die Fassade beschränke,
einen blossen «Fassadismus» betreibe.
Zumindest auf den ersten Blick wirkt das
Argument überzeugend. Wo das Authentische
der Täuschung entgegengesetzt wird, ist die
Versuchung gross, sich auf die Seite des
Echten zu schlagen. Aber was kann das im
Bereich der Architektur bedeuten?
Dass man sich noch heute in der
Rekonstruktionsdebatte auf Georg Dehios Satz
«konservieren, nicht restaurieren» aus dem
Anfang des 20. Jahrhunderts beruft, zeigt
einen eigentümlichen Mangel an
geschichtlicher Reflexion an. Für Dehio war
Echtheit an das Material gebunden, die alten
Steine. Aber nach dem, was der Bombenkrieg
der Jahre 1943-1945 angerichtet hat, die
Vernichtung der baulichen Substanz fast aller
deutschen Städte, kann man die Echtheit nicht
mehr am Material festmachen, sondern muss
die Kategorie neu bestimmen, und zwar von
der Form her. Die Rekonstruktion der
Dresdner Frauenkirche kann, obwohl sie nur
wenige Spolien des alten Baus enthält, als
authentisches Gebäude des Barock gelten,
weil sie den alten Formgedanken hat
wiedererstehen lassen.

Problematisch ist aber auch der
Gegenbegriff der Fiktion; im
architekturtheoretischen Diskurs lässt sich
hinter ihm unschwer Adolf Loos‘ Kritik am
Ornament ausmachen. Diese beruht auf der
Vorstellung eines gradlinigen geschichtlichen
Fortschritts, die wir nicht mehr teilen. Der
Purismus von Loos gehört einer Moderne an,
die sich die Reinheit des jeweiligen Mediums
zum Ziel gesetzt hat, dabei beeindruckende
Entdeckungen gemacht hat, aber letztlich in
eine Sackgasse geraten ist. In der Architektur
ist dies die Vernachlässigung der ästhetischen
und lebenspraktischen Bedürfnisse der
Menschen. Inzwischen hat die Postmoderne
das Ornament rehabilitiert.

Hinter dem Argument, Rekonstruktionen
stellten Geschichtsfiktionen dar, verbirgt sich
also ein heute obsoleter Radikalismus der
klassischen Moderne. Gegen ihn ist unter
anderem daran zu erinnern, dass nicht nur
Hegel, sondern auch sein Antipode Nietzsche
im Schein ein wesentliches Moment der
Wirklichkeit gesehen haben. Selbst Gropius
hat bei seinem Dessauer Meisterhaus, das
Modellcharakter hatte, den Einsatz von
Fiktionen keineswegs verschmäht. Er hat zwei
bautechnisch notwendige Stützpfeiler mit
Spiegelglas umkleidet und sie dadurch
unsichtbar gemacht.

Auch der Vorwurf, es gehe den
Befürwortern von Rekonstruktionen nur um
die Befriedigung nostalgischer Bedürfnisse,
gehört in den Kontext eines ungebrochenen
Modernismus. Vergangenen Epochen nachzuhängen, ist an und für sich noch keine tadelnswerte Einstellung; sie wird es erst, sobald der Kritiker die eigene Gegenwart
hypostasiert. Hinzukommt, dass die
Beschleunigung geschichtlicher
Veränderungen, die wir im Zeichen der
Globalisierung erleben, geradezu notwendig
Rückwendungen hervortreibt. Die Welt
können wir nicht verändern, aber vielleicht die
Stadt, in der wir leben, mitgestalten.

Nun räumen jedoch inzwischen die meisten
Kritiker der Rekonstruktion selbst ein, dass es
eine verständliche Enttäuschung über die
moderne Architektur gibt, über «ihre
Traditionsfeindlichkeit, ihren Mangel an
identitätsstiftender Kraft, ihre ästhetische
Belanglosigkeit». Trotzdem folgt die
Argumentation nach wie vor den Linien eines
dogmatisch festgehaltenen Modernismus.
Dieses Moment von Verstocktheit dürfte
letztlich auf die im kollektiven Bewusstsein
der Deutschen eingesenkte Unfähigkeit
zurückgehen, die Vernichtung fast aller
deutschen Städte im Zweiten Weltkrieg als
kulturelle Katastrophe anzuerkennen. Die
Rekonstruktionsdebatte rührt an eine Wunde,
die seinerzeit verleugnet werden musste, um
das Weiterleben möglich zu machen. Winfried
G. Sebald hat in seinem Essay «Luftkrieg und
Literatur» aus dieser Einsicht die These
entwickelt, dass «die erstaunliche Fähigkeit
der Selbstanästhesierung» einen «bis heute
nicht zum Versiegen gekommenen Strom
psychischer Energien» habe entstehen lassen,
der «die Deutschen in den Jahren nach dem
Krieg fester aneinander band und heute noch
bindet als jede positive Zielsetzung». In der
Tat haben Beobachter aus dem Ausland
übereinstimmend berichtet, dass die
Deutschen sich in den Trümmern bewegten,
als seien diese immer schon ihre Umwelt
gewesen.

Deblockierung der Debatte

Man fragt sich, ob das Verlangen nach
Rekonstruktionen, das in letzter Zeit oft so
vehement hervorbricht, nicht ein Anzeichen
dafür ist, dass viele Menschen in Deutschland
anfangen, sich die äusseren und inneren
Verheerungen, die der Bombenkrieg mit sich
gebracht hat, einzugestehen. Die
Unversöhnlichkeit aber, mit der viele
Architekturtheoretiker sich dagegen wehren,
würde nicht nur einem festgehaltenen
ästhetischen Modernismus geschuldet sein,
sondern vor allem auch der Verdrängung
dessen, was im Zweiten Weltkrieg – durch
eigene Schuld – mit den Deutschen und ihrem
Land geschehen ist.

Die Blockierung der Debatte liesse sich wohl
nur überwinden, wenn die Fachleute sich für
eine historische Reflexion öffneten und bereit
wären, auch die Möglichkeit eigener
Verhärtungen mitzubedenken. Sie müssten
zum andern das Scheitern der
durchschnittlichen modernen Architektur, die
das Bild unserer Städte bestimmt, ernst
nehmen, dessen Ursachen nachgehen und von
daher Konzepte eines Urbanismus entwickeln,
der traditionelle Bautypen einbezieht, ohne sie
zum bloss spielerischen Beiwerk zu
erniedrigen.

Peter Bürger

Neue Zürcher Zeitung, 07.01.2009