Die Chimäre Berliner Schloss

Die Chimäre Berliner Schloss

Der Streit um den Wiederaufbau des Berliner Hohenzollernschlosses geht in die nächste Runde. Stein des Anstoßes ist dieses Mal der neunzigseitige Entwurf für die Wettbewerbsausschreibung, der mehreren Redaktionen Anfang Oktober zugespielt wurde; in wenigen Wochen soll die endgültige Ausschreibung offiziell publiziert werden.

Um den Erfolg ihres medialen Einsatzes für den Wiederaufbau fühlen sich alle selbst ernannten Berliner Traditionsbewahrer betrogen, die sich nun über das Bauprogramm und die Zusammensetzung der Jury empören.
Detailgetreu sollen zwar drei Seiten sowie der Schlüterhof des alten Schlosses rekonstruiert werden, aber darüber hinaus lässt die ebenso nüchterne wie detaillierte Ausschreibung erstaunlich viele Spielräume für architektonische Neugestaltung. Weder der Wiederaufbau der Schlüterkuppel, noch der größerer Raumfolgen des früheren Gebäudes wird verbindlich vorgegeben. Ein Affront für die Traditionsbewahrer, der noch dadurch gesteigert wird, dass im Text offen gelassen wird, ob die ehemalige DDR-Volkskammer integriert werden soll. Mit „Schlüter trifft Honecker“ kommentierte dies der Architekturkritiker Heinrich Wefing in der FAZ, berücksichtigte dabei aber nicht, dass die DDR-Volkskammer auch der Ort war, wo 1990 das erste frei gewählte Parlament zu höchst spannenden politischen Diskussionen zusammenkam.

Links das Wunschbild des Berliner Schlosses der „Stadtschloss Berlin Initiative“, rechts das Original um 1900 (Bilder: links: www.stadtschloss-berlin.de, rechts: Postkarte, etwa 1900)

Was nun steht genau in dem Text, der so leidenschaftliche Ablehnung in den Feuilletons erfuhr? Erst einmal das sattsam seit Anfang 2007 bekannte Raumprogramm für die neue Institution „Humboldt-Forum“: 24.000 Quadratmeter für die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen Berlin, 4.000 Quadratmeter für die Zentral- und Landesbibliothek und nur 1.000 Quadratmeter für die wissenschaftshistorischen Sammlungen der Humboldt-Universität. Von der ursprünglichen Idee eines interdisziplinären Ortes der Wissenschaften und Kultur ist damit nur wenig geblieben, denn vor allem die museale Ethnologie dominiert klar das Gebäude.
9.500 Quadratmeter groß soll darüber hinaus die gemeinsam genutzte „Agora“ werden, ein großzügiger, zentraler Empfangsbereich mit öffentlicher Passage, Museumsshops und Gastronomie. Da bleibt im Innern wenig Raum für Rekonstruktionen, wo wesentlich Museumsleute von heute das Programm mitbestimmt haben. Moderne Ausstellungsflächen, tageslichtdurchflutet und flexibel wünschen sie sich, weshalb allein die Königlichen Kunstkammern wieder entstehen könnten, vollständig rekonstruiert oder „zitathaft“, wie es so schön nebulös im Ausschreibungstext heißt.
Ambiguität bestimmt die Ausschreibung an vielen Stellen, die zu einem wirklichen Neubau in historischen Hüllen tendiert. Erstaunlich ist dies nicht, denn von Anfang an war die Wiederaufbau-Entscheidung von Kommission und Bundestag nur halbherzig getroffen worden, diktiert von recht profanen Nutzungs- und Budgeterwägungen sowie nostalgischen Stadtansichten. Das „neu-alte Schloss“ wird nur eine simple Addition verschiedener Versatzelemente und keine mutige Synthese bieten können. Spannend wird allein sein, ob der Ausschreibungsentwurf nach der publizierten Kritik zu Gunsten der selbst ernannten Traditionsbewahrer geändert werden wird. Etwa im Punkt des Kreises der Jurymitglieder, wo man daran Anstoß nimmt, dass es bis auf David Chipperfield an Internationalität fehlt und dieser mit seinem Neuen Museum auf der Spreeinsel für die Traditionalisten ein rotes Tuch darstellt. Außer Petra Kahlfeldt entsprechen auch die weiteren Jurymitglieder Peter Kulka, Markus Allmann, Peter Zlonicky und Volker Staab keineswegs ihren Wünschen.

Spannend wird gewiss auch, wer sich wie am zweistufigen Wettbewerb beteiligen wird, dessen Auslobungsunterlagen am 7. Januar 2008 versandt werden sollen. Anfang Mai soll dann die Jury vierzig Entwürfe zur weiteren Bearbeitung auswählen, die am 24. Oktober 2008 höchst wahrscheinlich ein Ergebnis bringen werden, dass einmal mehr von allen Seiten kritisiert werden dürfte. Weder die Befürworter zeitgenössischer Architektur und Stadt, noch die Traditionalisten werden ihre Wünsche erfüllt sehen. Noch schwerer wiegt aber: Die Republik und die Stadt Berlin werden eine Chance zu einem mutigen Zeichen des 21. Jahrhunderts leichtfertig vergeben haben. Viel deutscher Zwist und wenig Konsens – das allein wird die Botschaft ans Ausland sein. Claus Käpplinger
www.german.magazin-world-architects.com, 16.11.2007