„Die Chance, Großartiges zu leisten“
Hermann Parzinger tritt heute sein Amt an als neuer Preußen-Präsident
Er wird wenig Zeit haben für Ausgrabungen, doch Hermann Parzinger möchte künftig die Wissenschaft nicht aufgeben
Große Rochade in Berlin: Vor einer Woche wurde Hermann Parzinger als Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts verabschiedet, heute wird er in das gleiche Amt der Stiftung Preußischer Kulturbesitz eingeführt. Mit dem mächtigsten Kulturmanager der Hauptstadt sprach Berthold Seewald.
Berliner Morgenpost: Herr Parzinger, Sie sind Bayer, wurden in München geboren und übernehmen jetzt für knapp 20 Jahre die Leitung und Pflege des preußischen Kulturerbes. Wie kam es zu dieser Beziehung?
Hermann Parzinger: Wir Bayern haben ja eine gewisse Preußen-Faszination. Vor allem aber zeigt meine Wahl, dass unser föderales System funktioniert.
Aber Bayern trägt den geringsten Anteil an der Preußen-Stiftung.
Darauf habe ich meine Kollegen in Bayern schon angesprochen. Die haben gesagt: Bayern zahlt mit Talenten.
Bayern sind selbstbewusst. Was bedeutet für Sie Preußen?
Bayern ist sicherlich meine Heimat. Aber ich fühle mich als Deutscher, als Europäer. Insofern ist Preußen auch ein wesentlicher Teil meiner Geschichte. Bevor ich den Entschluss fasste, Archäologie zu studieren, zog es mich eigentlich zur Neueren und Neuesten Geschichte. Darin spielt Preußen eine entscheidende Rolle. Es symbolisiert ja nicht nur das Negative wie Militarismus, sondern ist auch Aufklärung, Entwicklung von Bildungs- und Wissenschaftsinstitutionen, großartige Dinge.
Wenn man das an Personen festmachen sollte, fallen schnell die Namen der Gebrüder Humboldt. Nach ihnen ist auch das Forum benannt, das hinter den rekonstruierten Fassaden des Berliner Schlosses entstehen soll. Dieses Projekt scheint nicht auf die gleiche Resonanz zu stoßen wie etwa der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Entscheidung für ein Humboldt-Forum erst ein halbes Jahr alt ist und die Debatte, was mit der Berliner Mitte passiert, Jahre währte. Alle wird man nicht glücklich machen können. Aber wir haben jetzt die Chance, etwas Großartiges zu schaffen. Das müssen wir nach außen tragen.
Der Kritiker sind viele.
Es ist geplant, auf dem Schlossplatz eine Humboldt-Box zu errichten, mit der wir die Menschen darüber informieren, was wir planen. Die einen erregen sich über „Trommelkurse“, den anderen passen die Schlossfassaden nicht. Wir müssen deutlich machen, dass aus der Verbindung von alten Fassaden und neuen Inhalten etwas Zukunftsweisendes entstehen kann, ein Kunst- und Kulturerfahrungszentrum, das zugleich die Brüche der deutschen Geschichte erfahrbar machen soll. Mit den Fassaden wird sich das Ganze auch gut in die historische Mitte Berlins einfügen.
Was soll dieses Zentrum alles enthalten?
Im Erdgeschoss ist eine Agora geplant, das Portal zur Welt. Dort sollen Ausstellungsbereiche mit zeitgenössischer Kunst, Läden, Gastronomie, Räumlichkeiten für Kino, Musik, Theater, Tagungen entstehen. In diesem Bereich sollen die Menschen neugierig gemacht werden auf außereuropäische Kulturen. In den Stockwerken darüber sind die Werkstätten des Wissens angesiedelt, Forschungsbibliotheken, das Phonogramm-Archiv, die Wissenschaftssammlungen der Humboldt-Universität und, als einer der wenigen nachgebauten Räume, die Kunstkammer als Keimzelle von Museen und Bibliotheken. Darüber folgt die Präsentation der Kontinente mit ihrer Kunst, ihrem Alltag, ihrer Religion und endet in den obersten Stockwerken mit Ausstellungen zu den großen Menschheitsthemen.
„Wir bauen kein Schloss wieder auf, sondern ein neues Humboldt-Forum“, sagten Sie. Dennoch sind Sie an die äußeren Formen des alten Bauwerks gebunden.
Ich meinte lediglich, dass es nicht nur um Wiederaufbau geht, sondern auch um etwas Neues im Inneren. Der Zuschnitt der drei Außenfassaden bleibt erhalten. Dahinter aber haben wir Spielräume. Da sind die Architekten gefordert, Räumlichkeiten zu schaffen, um damit die Nutzung in Einklang zu bringen.
Die Museen, die in Dahlem angesiedelt sind, wandern in Berlins Mitte.
Wir dürfen die Museen ja auch nicht einfach nach Mitte verpflanzen, Veranstaltungsräumen und Event-Charakter ergänzen und sie dann sich selbst überlassen. Wir müssen ein klares Konzept mit unseren Partnern entwickeln, wie der Besuch im Humboldt-Forum zu einem einzigartigen Bildungserlebnis werden kann. Ob wir wollen oder nicht: Das Humboldt-Forum wird eine Visitenkarte Deutschlands.
Sie sprechen unter anderem Russisch und haben in Sibirien gegraben. Sollten wir das leidige Thema der Beutekunst des Zweiten Weltkriegs nicht ad acta legen, weil sich die Russen nie von diesen Trophäen trennen werden?
Wir sollten unseren Anspruch nicht aufgeben, zumal auch das internationale Recht zu unseren Gunsten spricht. Aber man sollte nicht jedes Mal, wenn wir uns treffen, dieses Thema auf den Tisch bringen. Es gibt jetzt ein deutsch-russisches Projekt, in dem es um die Auswertung der Transportlisten sogenannter Beutekunst geht. Da erfahren wir endlich, was wohin gelangt ist. Gemeinsame Ausstellungen sind auch ein Weg, um das Thema latent zu halten. Nur so kann man erreichen, dass eines Tages Russland und Deutschland finden: Wir haben da ein Problem, lasst uns das doch irgendwie lösen.
Berliner Morgenpost, 29.02.2008
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