„Die Bundesregierung muss endlich aufwachen“
Neuer Stolperstein auf dem Weg zum Berliner Stadtschloss: Die Architekten-Vergabe für den Neubau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum wird noch einmal überprüft. art befragte den drittplatzierten Architekten Jan Kleihues, den Sonderpreisgewinner Wilfried Kuehn und den Justiziar der Bundesarchitektenkammer, Thomas Maibaum, zur Stadtschloss-Affäre.
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art befragte den drittplatzierten Architekt Jan Kleihues (Kleihues + Kleihues), den Sonderpreisgewinner Wilfried Kuehn (Kuehn Malvezzi) und den Justiziar der Bundesarchitektenkammer, Thomas Maibaum, zur Stadtschloss-Affäre:
Jan Kleihues: „Man schadet dem Image der ja eigentlich großartigen Idee „Humboldt-Forum“, wenn man die Fakten, sprich den positiven Nachweis der Zulassungsvoraussetzungen für Franco Stella, nicht endlich auf den Tisch legt. Da das nicht passiert, kann man also nur vermuten, dass irgendetwas nicht stimmt. Sollte aufgrund der couragierten Rüge des Architekten Hans Kollhoff herauskommen, dass hier tatsächlich geschummelt wurde, werden sich die uns Architekten vertretenden Kammern und Verbände bestimmt um den Fall kümmern.“
Wilfried Kuehn: „Offenbar ist der Stella-Entwurf mit seiner rückwärtsgewandten hermetischen Konzeption vielen suspekt, da Form und Inhalt darin nicht zusammenkommen. Das Schlimmste wäre ein bleiernes Schloss statt eines in die Zukunft weisenden Kulturbaus in der Mitte Berlins. Da es das wichtigste Bauvorhaben in Deutschland seit dem Umbau des Reichstags ist, ist ein Schnellschuss hier völlig unangemessen. Die nun thematisierten juristischen Fragen können nicht Grund, aber Anlass sein, das Ergebnis des Wettbewerbs zu überdenken und die übereilte Umsetzung zu stoppen. Dies ist keine juristische, sondern eine politische Forderung: Die Bundesregierung muss endlich aufwachen.“
Thomas Maibaum: „Wenn sich herausstellen sollte, dass Franco Stella die Kriterien nicht erfüllt hat, ändert das nichts an der Tatsache, dass es einen unterschriebenen Vertrag gibt. Dass dieser Vertrag vergaberechtlich angegriffen wird, ist nicht auszuschließen, auch wenn das Ergebnis ungewiss sein mag. Es könnte auch zu Schadenersatzforderungen kommen, wobei es den klagebefugten Büros nicht ums Geld geht, sondern um die Wiederholung des Verfahrens. Falls es zu einem Prozess kommt und ein Gericht feststellt, dass die Mitbewerber zu entschädigen sind, würde die politische Lage prekär. Die Bundesregierung wird sich dann überlegen, ob sie es politisch durchhält, den Vertrag aufrechtzuerhalten. Das wird man abwägen und nach politischer Opportunität entscheiden. Man kann den Wettbewerb allerdings nicht wiederholen, weil die Anonymität nicht zu gewährleisten ist – man kennt ja bereits Teilnehmer und Entwürfe. Deshalb könnte es sein, dass man ein Verhandlungsverfahren durchführt, zu dem die verbliebenen Preisträger geladen werden. Gerichte sind aber nicht dafür bekannt, schnell zu entscheiden. Die Planungsphase könnte da schon zu Ende sein und die Ausführungsphase begonnen haben. Dann wäre es zu spät. Oder aber man verfolgt das Projekt gar nicht mehr weiter. Denn wenn der Vertrag gekündigt wird, geht die Diskussion über die historischen Fassaden erneut los – und dann läuft auch die Debatte im Bundestag wieder heiß. Die Folge wäre: mindestens noch zehn Jahre eine Dauerbrachfläche im Herzen Berlins. Und das will auch keiner.“
art-magazin.de, 27.08.2009
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