Die Brache der Nation

Die Brache der Nation

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Geschüttelt, nicht gerührt nahm James Bond einst seinen Wodka-Martini, und so behutsam geben sich auch die neuen Schlosspläne der schwarz-gelben Bundesregierung: Verschoben, nicht gekippt ist das Projekt. Nur fragt sich, ob die Schiebung nicht genau jene Schieflage erzeugt, die das gesamte Vorhaben zum Einsturz bringt. Mit der Verlegung des Baubeginns ins Jahr 2014 haben die Schlossgegner von FDP und CDU/CSU ihr schon bei den Koalitionsverhandlungen im Herbst verfolgtes Nahziel erreicht: Das grand projet der Bundeskulturpolitik ist erst einmal weg.

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Das Ergebnis der Sparklausur im Kanzleramt ist, obwohl der Haushalt des Kulturstaatsministers Bernd Neumann offenbar weitgehend von Kürzungen verschont bleibt, eine epochale Niederlage der Kulturpolitik. Bis zuletzt haben sämtliche mit dem Thema vertrauten Experten der Koalition, an ihrer Spitze Neumann selbst und die Kulturausschussvorsitzende Monika Grütters, für das Schlossprojekt gekämpft. Dass sie sich gegen das Desinteresse des zuständigen Bundesbauministers nicht durchsetzen konnten, zeigt ernüchternd deutlich, wie gering der Stellenwert nationaler Kulturvorhaben auch im zwanzigsten Jahr der Berliner Republik noch ist.

In den Verlautbarungen, welche die Sparbeschlüsse begleiten, wird das Schloss allenthalben als Luxusartikel hingestellt, den man sich in Krisenzeiten nicht leisten könne. Die wahren Luxusausgaben, die etwa dadurch entstehen, dass nach wie vor die Hälfte aller Beamten des Bundes ihren Dienstsitz in Bonn hat, während ein Nachrichtendienst, der besser weiter im Verborgenen gearbeitet hätte, für das Dreifache des geplanten Schlossbudgets in die Hauptstadt umzieht, werden nicht erwähnt.

Bis heute ist unklar, was das Haus der Weltkulturen darstellen soll
Die Vagheit und Beliebigkeit der Konzeption des Humboldt-Forums, das den Schlossbau füllen soll, hat zu dem jetzigen Debakel beigetragen. Bis heute ist es der Stiftung Preußischer Kulturbesitz trotz zahlloser Interviews, Konferenzen, Aufsätze, Bildbände und Ausstellungen nicht gelungen zu erklären, wie sie sich ihr Haus der Weltkulturen hinter den Schlüterfassaden eigentlich vorstellt. Dass die Dahlemer Museen der Stiftung ein neues Domizil brauchen, ist bekannt; dass das Berliner Schloss mehr sein muss als eine neue Hülle für alte Sammlungen, wissen alle Beteiligten. Aber worin genau die Einzigartigkeit des Humboldt-Forums bestehen soll, lässt sich bis heute nicht genau erkennen.

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Man mag den Enthusiasmus, mit dem sich Politiker wie Wolfgang Thierse für das Schloss und das Einheitsdenkmal einsetzen, für naiv halten, aber Thierses Instinkt ist richtig.

Dieses Land kann nur über Kulturbauten den Anschluss an seine verlorenen Traditionen wiederfinden. Wer es mit Einkaufspassagen und postmodernen Stahl-Glas-Palästen zuschüttet, verstärkt nur die Geschichtsvergessenheit, von der nahezu jede öffentliche Debatte in Deutschland zeugt.

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F.A.Z., 08.06.2010