Die Abrissbagger haben bald Feierabend

Die Abrissbagger haben bald Feierabend

Der Berliner Palast der Republik ist damit endgültig ausgedient.

Ein einziger Treppenturm aus Beton ist geblieben. Dieser letzte Rest vom Palast der Republik wird bis zum Ende der Woche verschwinden. Dann ist das größte und teuerste Prestigeobjekt der DDR endgültig Geschichte. 19 000 Tonnen Stahl, 54 000 Tonnen Beton und 8200 Quadratmeter Glas wurden in knapp drei Jahren abgebaut. Zurück bleibt eine riesige Betonwanne voller Sand, auf der ab 2010 das Humboldt-Forum mit dem barocken Antlitz des Berliner Schlosses errichtet werden soll.

So lange bietet Berlins Mitte weiterhin einen bizarren Anblick. Riesige hydraulische Abbruchzangen krachen in die Betonreste und bestimmen die Geräuschkulisse bis hin zum Weihnachtsmarkt vor dem Roten Rathaus. Von dort strahlt das Licht eines Riesenrads zurück zur Baustelle. Und am Ufer der Spree spielt ein Mann mit Saxophon unaufhörlich gegen den betäubenden Lärm an. Während die DDR-Geschichte vom Schlossplatz spurlos verschwindet, wird die frühe Historie Berlins nur wenige Schritte weiter akribisch konserviert. Vor dem früheren Staatsratsgebäude, in dem heute Studenten einer privaten Wirtschaftshochschule die Gesetze des Marktes lernen, graben Archäologen Fundamente früher Spreebesiedlungen aus.

Der Umgang mit der Geschichte gefällt nicht jedem. „Eine Schande ist das“, sagt ein älterer Mann, der mit traurigem Blick die Abrissarbeiten verfolgt. Dann winkt er wirsch ab und braust auf seinem Fahrrad davon. Viele Fotografen versuchen das letzte Betontreppenhaus vor dem Berliner Dom abzulichten. Noch einmal kommen die Touristenbusse. Einheimische und Besucher debattieren den Abriss. Manche scheinen Abschied zu nehmen wie von einem Freund am offenen Grab.

Es war ein langsames Sterben des Palastes, der mit einem Volkskammerbeschluss im September 1990 wegen Asbestverseuchung geschlossen worden war – nur 14 Jahre nach seiner Eröffnung. Danach folgten lange Debatten über die Zukunft des Schlossplatzes. Tradition oder Moderne? Mit oder ohne Palast?

Bis eine Entscheidung fiel, kamen viele Zwischennutzer: chinesische Terracotta-Krieger, Beachvolleyballspieler, Kongressveranstalter und Künstler, die sogar eine Palastetage unter Wasser setzten und Schlauchboote darin schwimmen ließen.

„Erichs Lampenladen“, sagt ein Mann recht verächtlich als er am grauen Mittwochvormittag in einer Gruppe am Schlossplatz vorbeizieht. Die kristallene Pracht des Palast-Innenraums war während der Zwischennutzungen längst verschwunden. An die 13 Gaststätten und die Bowlingbahnen, an den „Kessel Buntes“ und Helga Hahnemann, an die SED-Parteitage im Großen Saal und die historischen Beschlüsse in der Volkskammer von 1990 erinnern Fotos. „Warum reißen die das ab?“, fragt eine Touristin in besorgtem Ton auf Englisch. Eine Antwort findet sie auf den Informationstafeln, die um die freigelegten gefliesten Kellerreste des Stadtschlosses herum angebracht sind. „Demokratische Entscheidung“, steht dort zu lesen.

Erklärt wird der eindeutige Beschluss des Bundestages vom 4. Juli 2002 zur Wiedererrichtung der historischen Schlossfassade. Fünf Jahre später wird die Kostengrenze auf 552 Millionen Euro festgesetzt. Wohl auch zur besseren Akzeptanz ist nun nur noch vom Humboldt-Forum die Rede, das einen „neuen, universalen Blick auf die Zivilisationen der Welt“ eröffnen soll. So die Vision.

Die Sammlungen der Staatlichen Museen aus Dahlem werden gegenüber der Museumsinsel unterkommen, außerdem ein neues Zentralgebäude der Landesbibliothek und ein wissenschaftliches Schaufenster der Humboldt-Universität. Noch ist vom Baubeginn 2010 und der Fertigstellung 2013 die Rede. Ein Jahr wird die Einrichtung der neuen Räume dauern. Ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall wäre Berlins Mitte dann wieder komplett.

Wie die Humboldt-Vision am Ende tatsächlich aussehen soll, darüber haben sich 30 Architekturbüros die Köpfe zerbrochen. Morgen gibt eine Jury ihre Entscheidung bekannt. Der Präsident der Bundesarchitektenkammer, Arno Sighart Schmid, rechnet mit einem klaren Votum. „Die Vergabe etwa von zwei ersten Preisen würde die politische Diskussion noch weiter verschärfen – so etwas mögen Juroren nicht“, sagte Schmid. Denn die Diskussion um die Gestaltung der Fassade ist noch immer nicht beendet. Zuletzt hatte es Wirbel um die Vorsitzende der Fachpreisrichter, die Berliner Architektin Gesine Weinmiller, gegeben, die sich angeblich gegen eine barocke Fassade ausgesprochen hatte. Vielleicht schafft ein überzeugender Beschluss ihrer Jury nun doch, den Kulturkampf um Deutschlands wohl symbolträchtigsten Baugrund endgültig zu beenden. (Von Klaus D. Grote)

Vom Barockschloss zum Humboldt-Forum

Über die Zukunft des Schlossplatzes mit mehr als 500 Jahren Vergangenheit wird seit 1990 gestritten. Eine Chronologie seiner Geschichte und der jüngeren Entscheidungen:

1443: Grundsteinlegung für ein Schloss an der Spree. 1698: Beginn des Schlossbaus von Andreas Schlüter.
1845: Mit der Fertigstellung des Eosander-Portals bekommt das Schloss seine endgültige Form.
Februar 1945: Brand des Schlosses.
22. Juli 1950: Walter Ulbricht verkündet den Abriss.
1973-1976: Der Palast der Republik wird gebaut.
22./23. August 1990: Die erste freigewählte Volkskammer beschließt den Beitritt der DDR zur Bundesrepublik.
19. September 1990: Wegen Asbestverseuchung wird der Palast geschlossen.
1993: Der Förderverein Berliner Stadtschloss setzt mit der Nachbildung der Schlossfassade die Debatte um einen Wiederaufbau in Gang.
Oktober 1997: Die Asbestbeseitigung am Palast beginnt.
20. Dezember 2001: Eine Expertenkommission schlägt den Nachbau des Schlosses mit barocken Fassaden vor. Der Palast der Republik soll abgerissen werden.
4. Juli 2002: Der Bundestag beschließt den Wiederaufbau der historischen Fassaden.
28. November 2008: Die Entscheidung im Architektenwettbewerb zum Humboldt-Forum fällt. Darin soll nach dem Willen von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) an den Palast der Republik erinnert werden.
kd

Märkische Allgemeine, 27.11.2008