„Der Juryvorsitzende sollte Konsequenzen ziehen“
Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) lässt an den Vorgaben im Architekten-Wettbewerb zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldt-Forum nicht rütteln. „Der Bundestag hat auf Empfehlung der Expertenkommission die Rekonstruktion dreier Fassaden des 1950 gesprengten Stadtschlosses beschlossen.
Diesen Beschluss setzen wir um“, sagte Tiefensee gestern. Wir berichtet, hatten sich einige Architekten, die in der Jury sitzen, öffentlich gegen die verlangte Rekonstruktion der Barockfassaden ausgesprochen. Selbst der Juryvorsitzende Vittorio Magnago Lampugnani distanzierte sich von der Schloss-Rekonstruktion. Unterdessen sagte das Jurymitglied Gesine Weinmiller, Architektin aus Berlin: „Die Grundlagen sind gelegt, und die habe ich nicht zu hinterfragen. Wenn ich die hinterfragen würde, dürfte ich nicht in die Jury gehen.“
Über die jüngsten Wendungen in der Debatte sprach Rainer Haubrich mit dem langjährigen Berliner Senatsbaudirektor Hans Stimmann.
Berliner Morgenpost:
Herr Stimmann, mitten in einem laufenden Wettbewerb äußern sich Jurymitglieder ablehnend über die Vorgaben des Auslobers. Wann hat es das zuletzt gegeben?
Hans Stimmann:
Ich habe schon an vielen Wettbewerben teilgenommen, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt. Wer als Jurymitglied die Rekonstruktion der Barockfassaden ablehnt, widerspricht klar dem Text und dem Geist der nach langjähriger Diskussion erarbeiteten Ausschreibung. Das ist ein Bruch mit allen Konventionen eines solchen Verfahrens. Ich vermisse Respekt vor dem öffentlichen Bauherren und Auslober, ich vermisse Neugierde auf die ganz besondere Herausforderung dieses Wettbewerbs, und ich vermisse Respekt gegenüber den teilnehmenden Architekten, die die Herausforderung angenommen haben, genau die gestellte Aufgabe zu meistern. Der Auslober schließt doch einen Vertrag mit den Jurymitgliedern, die er beruft. Was einige von denen jetzt tun, ist ein Bruch dieses Vertrages. Ein Stück aus dem Tollhaus „Wettbewerbskultur“.
Warum sollte die Jury bei ihrer Entscheidung keinen Spielraum haben?
Den hat sie doch, sie sucht nach der besten Lösung, aber eben innerhalb der Grenzen, die der Auslober festgelegt hat. Beim Eingangsbereich der Agora gibt es Spielraum, bei der Spreefront gibt es Spielraum, auch bei der vierten Fassade des Schlüterhofes. Aber bei der Rekonstruktion der Barockfassaden gibt es keinen Spielraum, hier ist der Ausschreibungstext eindeutig. Es mag Architekten in der Jury geben, die am Ende, d.h. in Kenntnis der Lösung, eine davon abweichende Lösung am überzeugendsten finden. Aber selbst für den Fall kann man keine Lösung gegen den Auslober beschließen.
Falls ein Entwurf ausgewählt wird, der die Barockfassaden nicht rekonstruiert, könnte man dann das ganze Verfahren anfechten?
Ein akademische Fragestellung, die hoffentlich akademisch bleibt. Es geht um Baukunst und nicht um einen Verfahrensstreit.
Vor einiger Zeit hatte sich bereits das Jurymitglied David Chipperfield über die Vorgaben des Deutschen Bundestages lustig gemacht, was ihm damals die Forderung nach einem Rücktritt aus der Jury einbrachte.
Zu dem Zeitpunkt hatte die Jury allerdings noch nicht getagt, und Chipperfield hat sich ja auch prompt korrigiert und die Vorgaben nochmals explizit anerkannt.
Dann wäre der aktuelle Fall des Juryvorsitzenden Lampugnani noch schwerwiegender.
Klar ist, dass der Auslober jetzt auf dieses inhaltliche Misstrauensvotum des Juryvorsitzenden reagieren muss. Aber Lampugnani wäre angesichts der von ihm vorgetragenen baukulturellen Grundsatzbedenken gut beraten, von sich aus über Konsequenzen nachzudenken.
Berliner Morgenpost, 18.11.2008
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