Der innerweltliche Heilsplan
VON CHRISTIAN THOMAS
Es war ein Kanzler der Bundesrepublik Deutschland, der das Schloss zu Berlin wiederhaben wollte, eines mit einer durch und durch barocken Wirkung. Doch es war seinerzeit, Mitte der 1990er Jahre nicht etwa Helmut Kohl, der aus dem Remake einer Residenz für Berlin-Mitte auch eine Staatsaffäre machte.
Zu einer dauerhaften Liaison von Berliner Stadtschloss und Berliner Republik kam es erst mit dem Übertritt ins 21. Jahrhundert, als sich Gerhard Schröder (SPD) der Idee der Vergangenheitseroberung durch Architektur annahm. Während sein Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin vor einer „Ideologisierung“ der Stadtschlossidee warnte, war es der Kanzler, der 1999 ein nagelneues Stadtschloss zum nationalen Staatsschloss beförderte.
Wenn heute und morgen eine internationale Architekturjury den Siegerentwurf im Stadtschlosswettbewerb kürt, wird sich manches Jurymitglied daran erinnern, wie sehr der Kampf um das Stadtschloss ein Zwist um die Wiedergewinnung der Hauptstadt-Mitte war. Angespornt wurden dabei die Debatten von einem veränderten Geschichtsbild. Die „Ideologisierung“, die den Skeptikern und Gegnern eines Kulissenbaus immer wieder vorgehalten wurde, war stets ein verlässliches Fundament für jeden Stadtschlossidealisten. Und täglich wurden es mehr. Denn das Stadtschloss wurde zu dem Überbau für eine sich wieder selbstbewusst gebende Nation, zeitgleich zum Auftritt der Berliner Republik Deutschland auf der Weltbühne.
So kam übers Jahr der Tag, da sich das Berliner Stadtschloss zu einem virtuellen Hauptstadt-Idol entwickelte. Und seitdem wurde alles unternommen, auf dass die Republik eines Tages auch zu ihm aufschaue, sentimental bereits zu den Simulationen. Zur Gestaltung des Neubaus wurden die Spielräume durch die Wettbewerbsvorgaben eingeschränkt, an erster Stelle durch die Drei-Fassaden-Doktrin.
Richtung Norden, Süden und Westen wird eine barocke Fassade nach historischem Vorbild errichtet. Um den Bundestagsbeschluss vom Juli 2002 zu vollstrecken, wurde ebenfalls die städtebauliche Figur festgesetzt, mit ihr die Übernahme der alten Kubatur des Schlosses verbindlich gemacht. Ebenfalls von Anfang an festgeschrieben war die historisierende Einkleidung in einem der beiden Innenhöfe, dem Schlüterhof. Hinzu kam zuletzt noch die Errichtung einer Kuppel über dem Bereich des vormaligen Hauptportals. Bis hin zu den Geschosshöhen, die sich an den Fensterformaten orientieren, wurden die Details in dem Auslobungstext vorgeschrieben. Auf dass das Antiquierte allumfassend eingelöst werde.
Dennoch beanspruchen die Pioniere dieser Kulissenarchitektur, „die wechselvolle Geschichte des Ortes in der Architektur ablesbar zu machen“. Das soll dann dadurch geschehen, dass die Ost-Fassade anti-antiquiert ausfällt, ebenso zeitgenössisch wie der Eosanderhof; auch darüber befindet heute und morgen die Jury.
Sie wird einen Schwindel sanktionieren. Gibt es doch auch heute, nach einer gut fünfzehnjährigen Debatte, kein historisches Argument für die Reanimierung einer Residenz mit Hohenzollern-Appeal. Wie meinte noch der ehemalige SPD-Bundestagsabgeordnete und Architekt Peter Conradi im März 2002 in der FR: „Wenn Berlin und Brandenburg das Berliner Schloss als Zeichen ihrer preußischen Identität haben wollen, dann sollen sie das zusammen bauen, so wie die Württemberger ihr Neues Schloss in Stuttgart und die Bayern ihre Residenz in München gebaut haben. Doch eine Aufgabe des Bundes ist das nicht.“
Die Magie der Wiedereinrichtung einer neuen Mitte für Berlin aber war zu groß, als dass historische Argumente sich hätten durchsetzen können. Zumal der Verlust der Mitte zweifellos schwer wog, gestalterisch und mental keinesfalls kompensiert wurde – bestimmt nicht ein Einbalsamieren des Palastes der Republik.
Tatsächlich hinterließ eine krasse DDR-Nachkriegsmoderne einen so zugigen wie öden Aufmarschplatz, so dass der Kult um eine atmosphärisch-heimelige Lösung, wie sie eine Stadtschlossreplik versprach, immer mehr Zulauf fand. Wegen der so barbarischen wie fatalen Geschichtspolitik der DDR war das Votum für das Stadtschloss nicht allein das Bekenntnis zu einem zweifelhaften Obdach für die Nostalgie, sondern das Votum für einen innerweltlichen Heilsplan für die Berliner Republik Deutschland.
Die psychosozialen und historisch-hygienischen Motive mögen offen zu Tage liegen. Was nicht bedeutet, dass es architekturhistorisch überzeugende Gründe für einen Nagelneubau als Ausdruck einer „grassierenden Faksimilekultur“ (der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt) gäbe. Es gibt an diesem selten scheußlichen Ort – wie gesagt – stadträumliche Gründe, symbolische Motive zur Wiederbelebung der verlorenen Mitte Berlins – nicht zuletzt das ökonomisch zweifellos notwendige Kalkül des Hauptstadtmarketings.
Keines der Motive aber machte einen Gegenstand zwingend erforderlich, der mit dem Lug- und Trugwort Wiederaufbau bezeichnet wird. Denn anders als etwa in Dresden, bei der Frauenkirche, fehlen in Berlin die steinernen Zeugnisse in großem Maße. Da leistete die Barbarei der SED mit der Sprengung und sich wochenlang hinziehenden Abrissarbeiten ganze Sache. Wegen der, gemessen etwa an Dresden, dürftigen Zeugnisse, sprach anfangs der Kunsthistoriker Tilmann Buddensieg noch von einem „gefälschten Koloss“ – um der Suggestion nationaler Magie dann doch wie andere auch zu erliegen. Vom Erscheinungsbild des Ehemaligen ging, während Rot-Grün die Normalisierung propagierte und mit ihr eine neue Unbekümmertheit gegenüber der deutschen Vergangenheit und Saloppheit gegenüber den Hohenzollern, ein besonderer Bann aus.
Zusätzlich zum Enthusiasmus für den Schlossneubau gehörte eine hartnäckige Ignoranz gegenüber der Nutzung in diesem Gebäude. Das Augenmerk war fixiert auf Fragen zur Hülle, was hinter ihr an Funktionen untergebracht werden sollte, wurde über Jahre als nachgeordnetes Problem betrachtet – wie zuletzt auch der verfügte Wiederaufbau der Schlosskuppel. Die Neu-Nutzung als Sekundäres hat an diesem Ort Tradition. Erst unter dem Begriff „Humboldt-Forum“ setzte sich schließlich ein vernünftiger Nutzungsgedanke aus dem Geist eines öffentlichen Bildungsauftrags durch.
Die Jury, die heute und morgen zusammenkommt, wird wissen: Nie war allein die Architektur ein Anliegen. Stets unterlag die Autoritätshörigkeit gegenüber einem antiquierten Vorhaben Sekundärtugenden, darunter einer zwanghaften Nonchalance gegenüber der Geschichte. Damit aber wird eine Hypothek aufgenommen.
Darunter könnte man an erster Stelle die 552 Millionen Euro verstehen, die für den Nagelneubau veranschlagt werden. Es handelt sich um eine Summe, von der der Juryvorsitzende, der Mailänder Architekt und Zürcher Architekturhistoriker Vittorio Magnago Lampugnani, soeben meinte, dass sie „die absolut unterste Grenze“ bilde. Denn auch Lampugnani ist ein Weltbürger unter den Bedingungen der Weltwirtschaftskrise.
Die womöglich weit länger nachwirkende, doppelte Hauptstadthypothek wird jedoch aus einem Anachronismus und Augentrug bestehen – mit allen Folgen für den mentalen Haushalt der Berliner Republik.
Frankfurter Rundschau, 27.11.2008
Deutsch
English
Francais
