Der Herr der Engel

Der Herr der Engel

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Wilhelm von Boddien aber wollte Schloss und Fassade. Er hörte von Körners Arbeiten und besuchte ihn in seinem Pankower Atelier. Sie redeten lange miteinander; Körner zeigte Boddien seine Zeichnungen, Ornamente und Skulpturen, darunter ein metergroßes Relief von Andreas Schlüter, das er modelliert hatte. Boddien war begeistert, man spürt es noch heute, wenn er von dieser ersten Begegnung erzählt. „Ich wusste sofort, was das für ein Glücksfall war.“ Noch an diesem Abend machte er Körner ein Angebot. „Wenn Sie jetzt Ja sagen, haben Sie auf Jahre Arbeit, habe ich gesagt. Aber es wird der Moment kommen, wo ich Sie bitten muss, nur noch für unser Projekt zu arbeiten.“

Körner sagte Ja.

Zunächst ließ Boddien einen Fensterbogen rekonstruieren, in dem sich früher ein sogenanntes Bukranion befand, ein Fantasie-Stierschädel. Boddien ging zu Goerd Peschken und erzählte ihm, dass er den fehlenden Schädel modellieren lassen wolle. „Ich untersage Ihnen das!“, soll Peschken gesagt haben, das Bukranion sei in seiner Ausdrucksweise das Größte, das Schlüter je gemacht habe. Kleben Sie ein Foto rein, wenn Sie den Schädel unbedingt wollen!

Boddien wollte den Schädel, und Körner formte ihn. Als er fertig war, zeigte Boddien Peschken die Arbeit. „Das müssen Sie sich jetzt ansehen“, sagte er zu ihm. „Wenn es nicht standhält, nehmen Sie einen Vorschlaghammer und wir setzen das Foto ein.“ Peschken habe das Bukranion eine Weile angeschaut, erzählt Boddien, und dann habe er gesagt: „Zum Niederknieen. Wir können es ja doch.“

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Seit sieben Jahren arbeitet Matthias Körner im Auftrag des Fördervereins Berliner Schloss an der Fassade. Lange bevor der Bundestag den Wiederaufbau beschloss, begann er in Boddiens Auftrag ganze Fensterachsen mit Ornamentik, Adler, Reliefs, Skulpturen zu modellieren.

Das war für ihn nicht ohne Risiko, denn was wäre geschehen, hätte das Parlament gegen das Schloss gestimmt? Dann wäre die Arbeit von Jahren nutzlos gewesen. Körner sagt, nur mit diesem Vorlauf ließe sich das gewaltige Pensum bewältigen. Als im vorigen Jahr Mitglieder der Bundesbaudirektion bei ihm im Atelier waren, staunten sie, dass schon fast ein Drittel der Fassadenteile modelliert war.

Körner geht in einen Nebenraum seines Ateliers, auf einer Holzpalette steht eine drei Meter hohe Frauenskulptur aus Ton, die er für das Schloss geformt hat. „Die Borussia“, sagt er. „Die Personifikation des Staates Preußen.“ Er erzählt, dass Andreas Schlüter, der für die barocke Neugestaltung des Berliner Schlosses um 1700 verantwortlich zeichnete, das Modell der Borussia von einer seiner Reisen aus Rom mitbrachte. Ihr Vorbild war eine Markgräfin aus der Toskana, die im 17. Jahrhundert heilig gesprochen wurde. Gian Lorenzo Bernini hatte die Skulptur für ein Grabmal in einer Seitennische des Petersdoms entworfen. Schlüter tauschte für die Berliner Figur nur die Attribute aus, die päpstliche Tiara gegen die Königskrone und den italienischen Regentenstab gegen den preußischen.

„Stark italienischer Einfluss“, sagt Körner, „wie so vieles am Schloss.“ Die gesamte Schlossplatz- und Lustgartenseite folgt in ihrer Fensterstruktur, vom Boden bis zum Dach, einem italienischen Palazzo, dem Palazzo Madama in Rom. „Natürlich sind auch nördliche Einflüsse durch Schlüter und seinen Nachfolger Eosander eingebracht worden, aber die Grundidee ist die eines italienischen Palazzo.“

Noch immer dächten viele Menschen, das Schloss sei architektonisch nichts weiter als ein trutziger Hohenzollernbau gewesen, erbaut im Auftrag „preußischer Säbelrassler“. Und es gebe sie ja auch, die hässlichen großmächtigen wilhelminischen Ergänzungen der Fassade. Körner ist dafür, sie deutlich zu zeigen. Geschichte ohne Widersprüche gibt es nicht.

Aber er will mit seiner Arbeit auch darüber aufklären, wie eng europäische Kulturlinien miteinander verbunden sind. Schlüter lernte von Michelangelo und Bernini, deren Vorbilder gehen zurück bis in die griechische Antike. 1 500 Jahre Kunst- und Architekturgeschichte, das ist seine Perspektive.

Anfang 2008 ist er mit einem Kollegen in das 340 Quadratmeter große Atelier in den Weddinger Uferhallen gezogen. Bevor sie privatisiert wurden, ließ die BVG hier ihre Busse reparieren. Körner ist jetzt Unternehmer. Er zahlt die Miete für das Atelier und die Betriebskosten, Material und Werkzeuge. Dafür erhält er Honorar für seine Arbeit vom Förderverein Berliner Schloss, der sich wiederum aus Spenden finanziert. Die Aufträge werden vom Schlossverein ausgeschrieben, Körner macht wie andere Bildhauer sein Angebot, er ist mit seiner Arbeit inzwischen so anerkannt, dass sein Atelier, wenn der Preis stimmt, jedes Mal den Zuschlag erhält.

Seit sieben Jahren funktioniert das so. Aber es bleibt ein Risiko, der Unternehmer Körner muss genau kalkulieren. Und reich ist er mit dem Schloss nicht geworden. Es trage sich gerade so, sagt er.

In diesen Tagen arbeitet er an einem Relief, darauf ist ein Krieger mit Helm zu sehen. Daneben hängt die einzige Vorlage, die es gibt, ein unscharfes kleines Foto, das die ursprüngliche Arbeit zeigt. Experten vom Bode-Museum wie der Barockspezialist Hans-Ulrich Kessler beraten ihn. „Wir müssen so nahe wie möglich an die Originale herankommen“, sagt Kessler, das ist nicht einfach.“ Er hat viel italienischen Barock gesehen, arbeitet jetzt über norddeutschen Barock und kennt sich aus mit der Darstellung von Schilden und Helmen, Medusenhäuptern und sterbenden Masken. Er weiß, dass ein Wappenschild bei Bernini und Schlüter nicht plan und gerade im Raum platziert war, sondern schief, dadurch komme Bewegung zustande. Darüber redet er oft mit Körner, seine Einwände führten dazu, dass Körner mittlerweile beim vierten Entwurf für das metergroße Relief ist. Und er weiß noch nicht, ob es diesmal den kritischen Augen der Leute vom Bode-Museum standhalten wird. „Ein normaler Prozess“, sagt Kessler, „auch Bernini hat mitunter 20 bis 30 Modelle angefertigt, ehe er zufrieden war.“

Aber auch ein schwieriger Spagat. Denn einerseits sind sie sich einig, dass das ganze Projekt nur überzeugen kann, wenn sie sich gegenseitig zu höchster Qualität antreiben. Andererseits kostet Qualität viel Zeit. Und Zeit ist Geld. Allzu viele Revisionen kann sich Körner eigentlich nicht leisten.

Er arbeitet 200 Stunden im Monat am Schloss, manchmal 300, seit vielen Jahren. An einer Atelierwand steht ein gewaltiger Torbogen aus Stuck, zwölf Meter lang, fünf Meter hoch, er nimmt die gesamte Länge und Höhe des Raums ein. Eine große Adlerskulptur ist darauf zu sehen, und zwei überlebensgroße weibliche Engel, die ein Spruchband mit goldenen Buchstaben zwischen sich halten. Es ist der Triumphbogen eines der Portale des Schlosses. Körner hat 2008 begonnen, den Torbogen zu modellieren, Tag für Tag hat er daran gearbeitet, manchmal auch nachts. Nach gut einem Jahr war er fertig. Fünf weitere solcher Bögen wird er noch modellieren, Arbeit für fünf Jahre. Es ist wie ein Marathon, Körner muss sich die Strecke einteilen und die Kräfte, wenn er nicht vor dem Ziel aufgeben will.

Und er muss die Widersprüche aushalten. Er will glanzvolle Ergebnisse schaffen und muss dabei permanent das eigene kreative Temperament zügeln, denn es bleibt ja die Nachbildung des bildhauerischen Werkes eines anderen. Niemals kann er ganz frei sein, niemals kann er ausbrechen. Allenfalls in der Zeichnung, im kleinen Modell, kommt das Eigene zum Tragen. Er muss zuallererst dienen.

Dient er als Bildhauer, der die Schlossfassade rekonstruiert, nicht am Ende einer alten, längst untergegangenen Welt?

Die Fassade, sagt Körner, sei nur Teil des Projekts, Kulissenarchitektur würde ihn nicht reizen. Das Projekt werde befeuert durch die Inhalte des Humboldt-Forums. Die außereuropäischen Sammlungen, die im Inneren des Forums ihre Heimat finden sollen. Die Bibliothek der Humboldt-Universität. Und die Agora, ein Veranstaltungszentrum, in dem sich die Welt treffen soll, um Zukunftsfragen zu diskutieren. Was da an Potenzial stecke, nennt Körner „den energetischen Unterstrom“, den er für seine Arbeit brauche.

Seit Anfang des Jahres erhält er Unterstützung, vier weitere Bildhauer arbeiten an der Rekonstruktion der Schlossfassade mit, Leute aus Berlin und Potsdam, gut ausgebildet und erfahren im Umgang mit preußischem Barock, sie alle haben ihre Wurzeln in der ostdeutschen Steinbildhauerwerkstatt von Stuck und Naturstein. Eine Qualität, die man anderswo in Deutschland nicht findet.

Es gebe nicht viele, die das können, sagt Körner, die Decke ist ziemlich dünn, weil barockes Modellieren vor dem Schlossprojekt wenig gefordert war. „Wir haben ja diesen Tunnelblick auf 1700“, sagt er. Wenn das Schloss fertig ist, wird der so schnell nicht wieder gefragt sein.
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Berliner Zeitung, 20. Februar 2010