Den Palast der Republik loswerden via Stadtschloss

Den Palast der Republik loswerden via Stadtschloss

Den „Ballast der Republik“ loswerden: Via Stadtschloss
Deutsche Nervosität – spürbar ist sie da. Seit 1945 gesellte sich ihr in West wie Ost die Dimension des kollektiven Schuldempfindens zu, des Irgendwas-lief-schief. Immerhin.

Nur: Was?

Mit falschen Antworten auf diese Frage lässt sich noch immer Staat machen, Sinn basteln, bereits hergestellte Faktensicherheit herausfordern. Und es wird also weiter massiv gebaut. Dass Bauen nervös macht, immer, wissen wir ja. Denn wie ein Bauarbeiter neulich im Fernsehen sagte: „Baustelle bedeutet dauernd Stress.“

Nun ist „Baustelle“ ja auch immer nötig, wenn etwas Neues passieren soll, und an sich also meist eine gute Sache. Was aber, wenn sie sich nur als prkäre Umbaustelle herausstellt, als verlogene Wiederaufbaustelle? Dann läuft wieder etwas massiv schief, diesmal auf der symbolischen Ebene. Mit genau dem Verdacht haben wir es jetzt zu tun, ganz gleich welche Partei oder Fraktion oder Gruppe der Gegenwart wir ins Auge fassen.

Wo also manifestiert sich deutsche Nervosität derzeit am Artikuliertesten? Weniger im Baden-Württembergischen „Muslim-Fragebogen“, wie Lorenz Jäger in der heutigen FAZ überaus munter und aufgeräumt erklärt, als Autor, der hier den Reeducation-Skeptizismus eines revisionistischen Romans von 1951 gegen den Entnazifizierungs-Fragebogen der Alliierten dafür in Anspruch nimmt, einer aktuellen, akuten Nervosität, einer offenbar seiner Ansicht nach sinnlosen, früheren „Nervosität“ oder Skepsis gegenüber zu stellen. Der FAZ-Mann schreibt seine Glosse im Tenor eines Überblickers, dem einstige Faschismus-Kritiker nach 1945 so suspekt zu sein scheinen, wie potentielle Demokratie-Unterwanderer nach Nine Eleven und heute. Das ist an sich ist ein bemerkenswertes Faktum und führt uns weiter, gegen den Willen des Kommentators.

Getrost kann man ihm und anderen nämlich die These gegenüberstellen, dass sich die aktuelle deutsche Nervosität weitaus weniger in diesem hilflosen aber ehrenhaften Muslim-Fragebogen-Versuch spiegelt, der dem Wunsch entspringt, Nicht-Demokraten möglichst nicht als U-Boote in die Demokratie hineinzulassen. Weniger also am „Muslim-Fragebogen“ und dessen generell berechtigtem, zur Prophylaxe vorgestellten Optionsspektrum an Fragen und Antworten zur demokratischen Haltung Einwanderungswilliger offenbart sich das Nervöse des Landes, als an dessen aktuellen Projekten zur Selbst-Konstruktion, deren größtes eines der Rekonstruktion ist: Das Stadtschloss soll wiedererstehen, ein Hohenzollern-Palast im Zentrum von Europas zentralem Staat, das Remake einer feudalen Epoche als schweres, architektonisches Zeichen, keineswegs als ironisches, reflektiertes Zitat.

Vielmehr sieht es also so aus, als zeige sich die zeitgenössische, deutsche Nervosität im Umgang mit der eigenen, vergangenen Nicht-Demokratie unseres Landes. Einmal wäre da der Umgang mit der unmessbar bleibenden Vergangenheit des raubmordenden Dritten Reiches, die inzwischen in abendfüllende Spielfilme á la „Untergang“ („Ja, der Hitler war auch nur ein Mensch“) ausgelagert wird, und komplementär fernsehtauglich formatiert, längst in der medialen Guido-Knoppisierung von Vergangenheit durch die Gegenwart gelandet ist. Andererseits sehen wir da auch das Verfahren, mit dem die Spolien der spießigen, vergleichsweise harmloseren Nachkriegsdiktatur – aber nicht zu verharmlosenden – DDR endgültig gelöscht werden, once and for all im wahren Wortsinn vom Erdboden getilgt werden sollen.

Klares Signal Nummer Eins: Die Hauptstadt des Staates verzicht aktiv auf Utopien und Entwürfe, etwa einen internationalen Architekten-Wettbewerb für ein Guggenheim-Museum oder dergleichen. Sie setzt vielmehr auf das Exhumieren und Mumifizieren einer architektonischen Leiche aus den Zeiten des Großmachtwahns einer abgelegten Epoche.

Dieses Projekt entspricht der Großen Koalition, es gibt sich parteienübergreifend konsensfähig, und schon Ex-Kanzler Schröder wünschte sich, wenn er „aus dem Fenster“ sähe, ein Stadtschloss zu erblicken.

Cui bono? Darum geht es. Denn zweierlei Begehren lässt sich hinter dem Stadtschloss-Phantasma lesen (by the way, der größte Trost ist, das das Ding für die marode Kasse der Republik schlicht zu teuer werden, und maximal Bauruine bleiben wird).

Dies sind die beiden Aspekte des Begehrens nach dem „Stadtschloss“:

Erstens: Das Begehren, etwas „Erhabenes“, ein gigantisches Zauberschloss der Patriarchen von einst wieder in Stein und unter Dach zu bekommen, also den Canyon zu leugnen, den der Zivilisationsbruch der Weltgeschichte bedeutet hat, und direkt anzuknüpfen an erloschene, vom Fortgang der Geschichte diskreditierte Gründermythen. Die infantile Perfidie dieses Harry-Potter-Plans ist kaum zu unterschätzen. In der neu-auf-altgemachten Auferstehung des Klotzes am Bein der Vergangenheit kann der wahre, historische Klotz, der, den wir nicht loswerden, umgedichtet und transfiguriert werden, auf eine Weise vielleicht, wie Diedrichsen sie das „CDU-Koksen“ nennt: Sich hinter der Kulisse modernen Verhaltens am Althergebrachten festkrallend, ohne Veränderung riskieren müssen. Es geht, halten wir das fest, um das Erstellen einer Kulisse für einen Historienfilm, in dem sich das Land neu-auf-alt erfindet und zugleich leugnet. Es geht um eine Phantasmagorie, für deren Verwirklichung jetzt in den Sparkassen Spendendosen aufgestellt werden, ein psychisches Winterhilfswerk der Gesellschaft der Gegenwart.

Zweitens: Das Begehren, mit dem physischen Ausradieren der „sowjetischen Kaaba“ im Zentrum von Berlin, also mit dem Abriss vom „Palast der Republik“, diesen Teil der Geschichte, die DDR in nuce, eins ihrer Herzstücke, das „andere Deutschland“, diese fortgesetzte Unterwerfung unter umgekehrten Vorzeichen („Völkerverständigung“, „Brüderlichkeit“) in den Orkus des Vergessens zu werfen. Damit sollen sowohl die unrühmlichen Loyalitäten der Bürgerinnen und Bürger des „anderen Deutschland“ weiter vergessen gemacht werden, es soll verdrängt werden, was einmal war, vom Spießigsten bis zum vage Utopischen, das im „Palast“ so lose wie staatstragend umhertrudelte.

Es geht also tatsächlich im doppelten Sinn darum, den „Ballast der Republik“ loszuwerden. Was nichts anderes darstellt, als eine einzige, großangelegte, sehenden Auges geplante, nicht-demokratische, politische Verdrängung. Dass und wie sie ein Skandalon darstellt, wird vielleicht erst die Nachwelt vollends erfassen können, Bastionen von Architektur-Soziologen und Kunstwissenschaftlern der kommenden Generationen. Einstweilen erklärt sogar einer der brillantesten Kunsthistoriker der Gegenwart, einer von denen, die Walter Benjamins „Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit“ ihren Studenten als Hauptspeise auszuteilen pflegten, dass der Palast erstehen müssen, schon allein um jenem Baudenkmalschützer der Ex-DDR posthum Genugtuung zu verschaffen, der sich seinerzeit beim Abriss des alten Palastes, um den er gekämpft hatte, das Leben genommen hatte. In der Tragödie dieses Mannes mögen sich noch so viele anrührende Elemente vereinen, den Wiederaufbau des Hohenzollernschlosses legitimiert sie, in retroaktiver Identifikation mit ihm, ganz sicher nicht.

Aber so wird jetzt gern gedacht, von links bis rechts in immer rein in nach „Mitte“.

Wie radikal anders sich mit dem Palast der Republik verfahren ließe, ja lässt, bewies das Projekt „White Cube“, der Space inside the Space, den Künstler und Kuratoren vorübergehend im Kern des Ex-DDR-Kerns untergebracht hatten. Im White Cube, zuletzt bei der Ausstellung zeitgenössischer Arbeiten von Berliner Künstlern zwischen den Jahren, entstand ein utopischer Raum par excellence, der sich ohne Pathos beidem widersetzte: Den Spolien der DDR-Diktatur und der hypertrophen, verlogenen, künftigen Baustelle. In diesem Raum schien alles möglich, jede Fantasie, jede Kritik, jede Position, jede Erkenntnis, solange sie sich auf Reflexion und Freiheit zurückführen ließ, um neue Optionen zu eröffnen. Wer den White Cube mit offenen Augen besucht hat, dem ist umso zorniger bewusst, was das Vorhaben „Stadtschloss“ in erster Linie symbolisiert: Eine gezielte Auslöschung von Möglichkeiten. Denk ich an Deutschland und die Macht, dann bin ich um den Traum gebracht – oder? Melancholie, also? Die wäre Aufgeben, und das würde dieser reaktionäre Strömung gut in den Kram passen. Darum kann es nicht gehen. Sondern darum, den internationalen Architekturwettbewerb wenigstens im eigenen Inneren stattfinden zu lassen, um die Resultate, wo es geht und Sinn hat, mit andern zu teilen.
(Caroline Fetscher. Sie ist seit 1997 beim Tagesspiegel, war von 1981 bis 1989 hauptamtliche Mitarbeiterin von Greenpeace, die meiste Zeit als Chefredakteurin des Greenpeace-Magazins)

Der Tagesspiegel, 11.01.2006