Das Stadtschloss liegt auf Eis – Berlin muss mit einem neuen Provisorium leben

Das Stadtschloss liegt auf Eis – Berlin muss mit einem neuen Provisorium leben

Die Liegewiese mitten im Herzen der Hauptstadt wird den Berlinern noch mindestens weitere vier Jahre erhalten bleiben. So hat es die schwarz-gelbe Regierungskoalition auf ihrer Sparklausur beschlossen. Der Baubeginn für das Humboldt-Forum in Gestalt des Berliner Schlosses, das bedeutendste Kulturbauvorhaben nach der Wende, soll nun frühestens 2014 erfolgen und damit drei Jahre später als bislang geplant.

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Spareffekt ist gering

Unklar ist bislang auch, wie viel Geld mit dem vorläufigen Baustopp eingespart werden kann. Der Bund sollte 440 Millionen zu dem Projekt beisteuern, das Land Berlin 32 Millionen Euro und 80 Millionen Euro der Schloss-Förderverein.

Für dieses Jahr waren indes ohnehin nur Planungskosten von 14 Millionen Euro veranschlagt. Und weil der Bau nach bisherigen Terminabsprachen erst im Sommer 2011 erfolgen sollte, sieht das Budget der als Bauherr fungierenden Stiftung „Berliner Schloss – Humboldt-Forum“ für 2011 auch nur Ausgaben in Höhe von 25 Millionen Euro vor.

Teurer wäre es nach den Etatplanungen erst ab 2013 und 2014 während der Bauphase geworden. Rund 300 Millionen Euro waren für diese Jahre eingeplant. Ganz abgesehen davon, dass auch bei einer Vollbremsung des Projektes bereits aufgelaufene Planungskosten bezahlt und Verträge eingehalten werden müssen, melden nun auch die künftigen Nutzer des Humboldt-Forums Finanzbedarf an, falls sie nicht wie geplant 2017 einziehen können.

Hermann Parzinger, als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) einer der Hauptnutzer des Humboldt-Forums, will nun prüfen lassen, welche Auswirkungen diese Entscheidung für die maroden Museen in Dahlem und die dort untergebrachten Sammlungen des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst haben. „Die bisherigen Planungen und Vorarbeiten zum Humboldt-Forum kosteten bereits nicht unerhebliche Summen, die Verschiebung verschlingt nun weitere Mittel, denn in Dahlem müssen jetzt die wichtigsten Sanierungsmaßnahmen eingeleitet werden. Ob man bei alldem von Sparen sprechen kann, weiß ich nicht“, sagte Parzinger. Bauexperten schätzen die Sanierungskosten allein für die Standorte in Dahlem auf 200 Millionen Euro.

Mit dem Beschluss des Kabinetts, den Schlossbau auf 2014 und damit in die nächste Legislaturperiode – und die Verantwortung einer kommenden Regierung – zu verschieben, wird nun eine Architekturdebatte wieder angeschoben, die ohnehin schon zu einer der zähesten zählt, die in Deutschland je geführt wurden. Seit der Wiedervereinigung wird über Sinn oder Unsinn einer Schlossrekonstruktion in Berlins historischer Mitte gestritten. Auch der Bundestagsbeschluss zum Wiederaufbau im Jahre 2002 brachte die Kritiker nicht zum Verstummen – zumal damit auch der besonders in den neuen Bundesländern umstrittene Abriss des Palastes der Republik beschlossene Sache war. Schlossgegner hoffen deshalb, dass das Projekt mit der gestrigen Kabinettsentscheidung nicht nur verschoben, sondern endgültig vom Tisch ist.

Solche Interpretationen sind nach Ansicht von Bundesbauminister Peter Ramsauer (CSU) indes völlig überzogen. „Das Projekt wird zwar um drei Jahre geschoben, doch der Bundestagsbeschluss zum Berliner Schloss gilt nach wie vor. Dazu stehe ich“, so Ramsauer nach der Klausur. Nur wenn der Bundestag seine Haltung ändere, gäbe es eine neue Ausgangslage. „Die Schlossidee bleibt also lebendig. Wir sollten die gewonnene Zeit als Chance begreifen“, appellierte er.

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Berliner Morgenpost, 08.06.2010