Das Schloß rückt näher

Das Schloß rückt näher

Ein Experten-Gutachten hält einen Wiederaufbau als Kultur- und Veranstaltungszentrum bis 2013 für realistisch
Von Rainer Haubrich
Am Mittwoch wird die bisher detaillierteste Studie für ein „Humboldt-Forum“ am Schloßplatz vorgestellt. Die von Bund und Land in Auftrag gegebene Untersuchung konkretisiert Inhalt und Finanzierung des Projekts.

Manchmal sind die Optimisten eben doch die wahren Realisten. Was wurde nicht alles an Argumenten gegen einen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ins Feld geführt: Er sei ein Zeichen reaktionärer Gesinnung, er sei nicht sinnvoll mit Inhalt zu füllen, er sei bautechnisch nicht machbar, schon gar nicht finanzierbar, oder nur um den Preis einer Banalisierung durch Büros und Kommerz.

Im Laufe der langen Debatte sind fast alle dieser Bedenken inzwischen ausgeräumt worden. Das Berliner Architektenbüro Stuhlemmer hat – mit Unterstützung des Schloßvereins von Wilhelm von Boddien – in akribischer Recherchearbeit die zentimetergenauen Baupläne für die barocken Fassaden von Andreas Schlüter und anderen Baumeistern erarbeitet. Bildhauer und Steinmetze fertigten bereits erste Elemente des plastischen Bauschmucks an, die selbst Skeptiker überzeugten. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz entwickelte das Nutzungskonzept eines „Humboldt-Forums“, in dem die außereuropäischen Sammlungen dem abendländisch-antiken Erbe der Museumsinsel gegenübergestellt werden sollen, ergänzt um die wissenschaftlichen Sammlungen der Humboldt-Universität und eine Bibliothek.

Jetzt scheint auch für die Finanzierung dieses bedeutenden Projekts ein gangbarer Weg gefunden. In einer von Bund und Land in Auftrag gegebenen Studie von zwei privaten Beratungsunternehmen und dem Architekturbüro Hemprich-Tophof, über das die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) berichtet, wird eine Gesamtsumme von 500 bis 800 Millionen Euro genannt, die zwischen öffentlicher Hand und Privatinvestoren aufgeteilt werden soll. In diesem Szenario käme auf den Steuerzahler eine Summe von jährlich 20 bis 40 Millionen Euro zu, gestreckt auf 30 Jahre.

Voraussetzung dafür ist allerdings, daß ein erstklassiges Hotel in den Schloßbau integriert würde, das auch das geplante Kongreßzentrum bespielen könnte, betrieben von einem privaten Investor. Darüber hinaus könnte auch eine Tiefgarage wichtige Einnahmen erbringen. Nur eine gemischte Nutzung verspreche eine Rendite, heißt es in dem Gutachten. Weder hochwertige Büros noch ein Einkaufszentrum könnten hinter dem monumentalen Maßstab der Barockfassade gewinnbringend angeordnet werden. Diese Erkenntnis ist deswegen bemerkenswert, weil viele Gegner einer Rekonstruktion immer wieder von einem „Disneyland“ aus Schlüter und billigem Kommerz gewarnt hatten. Nun bestätigt sich, daß die barocken Fassaden eine geradezu nobilitierende Wirkung auf den geplanten Neubau haben werden.

Es gibt auch Gedankenspiele, eine wichtige Bundesinstitution in den Schloßbau zu integrieren. Der Mietvertrag des Bundesinnenministeriums läuft in wenigen Jahren aus und soll nicht verlängert werden. Für den Fall, daß nach der Bundestagswahl die Kultur ein eigenständiges Ministerium erhält, böte sich auch für dieses der Standort gegenüber der Museumsinsel an. Nach der Studie könnten die Bauarbeiten im Jahre 2007 beginnen und würden voraussichtlich sechs Jahre dauern. Der Bericht soll am Mittwoch von Bundestagspräsident Wolfgang Thierse, Bauminister Manfred Stolpe (beide SPD) und Kulturstaatsministerin Christina Weiss (parteilos) vorgestellt werden.

In einem Interview mit der FAZ erteilte Stolpe allen aktuellen Plänen eine Absage, die Ruine des Palastes der Republik auf irgendeine Weise in einen Neubau einzubeziehen. „Es würde der Bedeutung des Ortes nicht entsprechen, an den Resten des Palastes herumzuflicken“, so Stolpe. Zugleich wies er den Eindruck zurück, er habe unlängst die Rekonstruktion der barocken Fronten infrage gestellt, um hinter modernen Fassaden eine noch rentablere Nutzung möglich zu machen.

„Ich bin ein Anhänger der Rekonstruktion der Barockfassaden“, sagte Stolpe, „und zwar möglichst bis ins handwerkliche Detail, als solide Steinmetzarbeit“. Er sei auch zuversichtlich, daß sich das finanzieren ließe. Der Förderverein Berliner Schloß von Wilhelm von Boddien hatte stets erklärt, er werde die Mehrkosten von 80 Millionen Euro für die historischen Fassaden durch Spenden decken.

Boddien äußerte sich zufrieden über die Empfehlungen der Experten. Diese würden den Vorstellungen des Fördervereins weitestgehend entsprechen. „Endlich wird Druck gemacht“, sagte von Boddien. Der Bundestag habe dem Bauministerium im November 2003 den Auftrag erteilt, mit den Wettbewerbsvorbereitungen für den Schloßbau zu beginnen. Dazu sei ein solches Gutachten nötig.

Sein Verein plant derzeit die Errichtung einer Infobox am Schloßplatz, die von der Geschichte des Bauwerks erzählen wird, Fragmente und kopierte Bauteile zeigt und den Staatlichen Museen die Möglichkeit gibt, ihr Konzept eines „Humboldt-Forums“ anschaulich zu präsentieren. Leider habe die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bisher sehr reserviert auf die Idee einer solchen Infobox reagiert, so Boddien.

Berliner Morgenpost, 21.08.2005