Das Humboldt-Forum als Museums-Revolution?
Eine Ausstellung zeigt erstmals, was im neuen Berliner Schloss zu sehen sein wird: Hinter braocken Kulissen soll ein neuer Museumstyp entstehen, ein Ort des Wissens, Spektakels und Genusses, ein Ort, an dem sich Kulturen der Welt ohne Herarchien begegnen. Es werden sogar Fälschungen ausgestellt.
Wir erleben einen kulturpolitischen Zeitsprung. Vielleicht sogar einen epochalen. Noch wirken die starren Fronten zwischen Schlossgegnern und Schlossbefürwortern im geschichtspolitischen und ästhetischen Streit um die Gestaltung der historischen Mitte Berlins nach, wie man an der Irritation um mögliche Formfehler beim Architektenwettbewerb zum Wiederaufbau des Stadtschlosses erspüren kann.
Diejenigen, die das Projekt Humboldt-Forum im Schloss intellektuell vorantreiben, sind allerdings längst aus den Gräben und Lauerstellungen heraus. Am Montag stellten der frühere Berliner Kultursenator Thomas Flierl, ein entschiedener Schlossgegner, und Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, in der Rotunde des Alten Museums den von ihnen herausgegebenen Band „Humboldt-Forum Berlin. Das Projekt“ vor.
Am Mittwoch eröffnete Bundespräsident Horst Köhler in eben diesem ältesten Bau der Berliner Museumsinsel die Ausstellung „Anders zur Welt kommen. Das Humboldt-Forum im Schloss“.
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Zwei Männer fanden, von unterschiedlichen Ausgangspunkten kommend, zusammen, weil sie es nicht ertragen hätten, dass hartleibige Rechthaberei die Chancen verspielt, die in dem vom Parlament ausgedrückten politischen Willen, in Berlin wieder ein Schloss zu errichten, und den konzeptionellen Vorarbeiten zu seiner Nutzung als einem international herausragenden Haus der Wissensvermittlung liegen.
Flierl spricht von einem „Versöhnungsprojekt“ und denkt dabei an West und Ost, Tradition und Moderne, Volkshaus und Repräsentativität, Deutschland und die Welt. Das waren die Polaritäten des Streits.
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Mit der Ausstellung nimmt das Humboldt-Forum sichtbare und erfahrbare Konturen an. Obwohl die drei daran beteiligten Institutionen – die Staatlichen Museen, deren außereuropäische Sammlungen von Dahlem an den Schlossplatz ziehen werden, die Humboldt-Universität und die Zentral- und Landesbibliothek Berlin – in den vergangenen Jahren bei einigen Ausstellungen die Kooperation schon „geübt“ haben, erlebt man ihr Zusammenwirken nun bewusst und gewinnt den Eindruck, dass sie es nicht nur prinzipiell können, sondern auch so etwas wie einen gemeinsamen Geist entwickeln.
Dieser Geist hat, wie das bei allen wirklichen Revolutionen der Fall ist, die Vergangenheit fest im Blick. Am Anfang der Französischen Revolution stand der Ruf der Stände nach Wiederherstellung ihrer alten Rechte. Das Museum des 21. Jahrhunderts besinnt sich auf die Idee der Kunstkammer, wie sie im 17. Jahrhundert Gottfried Wilhelm Leibniz entwickelte, und auf die reale Hohenzollersche Kunstkammer, aus der die an den Ursprungsort zurückkehrenden Sammlungen letztlich geboren wurden.
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Das alles ist ein Ausblick, keine Vorwegnahme. Dass sich eine ganze Reihe von Fragen stellen, liegt in der Natur der Sache. Wie etwa lässt sich die legitime Erwartung eines Teils des Publikums, spektakuläre Objekte der Sammlungen zuverlässig immer wieder zu finden, mit dem Ziel vereinbaren, eine „offene, durchlässige, wandelbare Struktur“ zu schaffen?
Und wie gestaltet sich künftig das Verhältnis der drei Wissenschaftsinstitutionen Staatliche Museen, Universität und Bibliothek zur Agora, also dem eher für Spektakel verantwortlichen Teil des Humboldt-Forums, das, so sehen es die zwischen den Beteiligten wohl noch nicht bis zum letzten ausdiskutierten Planungen vor, einen eigenen Intendanten bekommen soll?
Aber es ist jetzt die Zeit, über diese Fragen zu diskutieren und sie nicht als Indizien für die Unmöglichkeit des ganzen Unterfangens zu betrachten. Es hat sich im Projekt Schloss/Humboldtforum, wenn man so will, etwas Reaktionäres mit etwas Revolutionärem verbunden.
Altes Museum, Berlin, 9. Juli bis 17. Januar, Mo bis So 10-18 Uhr (kein Katalog)
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