Das Dreitageloch des Spaziergängers
Der Spaziergänger Unter den Linden hatte sich schon mit der Aussicht abgefunden: vorne der langsam schwindende, frostige, immer mehr einem abgefressenen Walskelett auf dem Grund des Ozeans gleichende Stahlrumpf des einstigen Republikpalastes; dahinter, Stück für Stück zum Vorschein kommend, die Türme und Fassaden der Berliner Mitte, die Marien-, Nikolai- und Friedrichswerdersche Kirche, das Rote Rathaus, Ernst von Ihnes Neuer Marstall, das Außenministerium. Und die Mitte der Mitte, der nach dem Abriss des Honecker-Trumms übrigbleibende Schlossplatz? Der würde leer stehen, noch lange, lange Zeit. Doch dann kam der 23. April 2007. Nur ein wenig über den „aktuellen Stand der Debatte“ informieren wollten die Herren Wowereit und Tiefensee bei ihrer Pressekonferenz im Palastskelett, hieß es in der Ankündigung. Aber schließlich verkündeten sie, was inzwischen jeder weiß: Das Schloss wird wiederaufgebaut. Der Spaziergänger, an den gemächlichen Berliner Debattentrott gewöhnt, wollte es zunächst nicht glauben. Volle drei Tage brauchte er, bis er der Nachricht endlich den gebührenden Raum gab, drei Tage, die ihm noch zum Jahresende auf der Seele liegen. Freilich blieb er in seinem Misstrauen nicht allein. Noch kurz nach Weihnachten mäkelte der Kunsthistoriker Adrian von Buttlar in einem Interview, das geplante Schloss und das in ihm enthaltene Humboldt-Forum seien doch nur „ein Bild“ der Geschichte und nicht das hohenzollersche Original. Außerdem werde hier bloß „die weltoffene preußische Aufklärung“ des neunzehnten Jahrhunderts und ihre liberale Sicht auf die außereuropäischen Zivilisationen zelebriert – und nicht etwa der Militarismus des Alten Fritz und seiner Nachfahren. Sieh einmal einer an! Nun haben es also auch die Kunstgeschichtler gemerkt. Guten Morgen, Herr von Buttlar; und willkommen, du neues, altes Schloss!
FAZ, 31.12.2007
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