Das Berliner Schloss versinkt im Tiefensee

Das Berliner Schloss versinkt im Tiefensee

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Große Kunst hasst Kompromisse, und selbst eine Gebrauchskunst wie die Architektur, die stets auch Dienstleister sein muss, braucht eine innere radikale Verfasstheit, die sich auf denkbar komplexe Art dann in Tausenden – im Schlossfall wohl Millionen – von Detailentscheidungen manifestiert. Stella war davon schon bei seinem Ursprungsmodell weit entfernt, noch grotesker wurde die relativierte Autorenschaft dann durch die schnelle Waffenhilfe der Architektenbüros Gerkan, Marg und Partner sowie Hilmer & Sattler und Albrecht, die Stella bei der Ausführung des Projektes unterstützen sollten. Damit sollen ausgerechnet jene Büros zum Zug kommen, deren ideenarme Standardware schon weite Teile der neuen Berliner Mitte in gähnende Stein- und Betonlandschaften verwandelt hat – und deren eigener Entwurf zum Stadtschloss weit abgeschlagen im Wettbewerb bewertet wurde.

Als sich herausstellte, dass Stella und sein Büro kaum einem der Kriterien für die Ausschreibung genügten, wuchs die Unruhe, und es war ausgerechnet der sonst als konservativ geltende Stararchitekt Hans Kollhoff, ein leidenschaftlicher Befürworter der kritischen Rekonstruktion, der eine Klage gegen das Ergebnis des Wettbewerbs – wenn auch denkbar formal – anstrengte.

Kollhoff hat recht bekommen. Dem Bauministerium ist dies egal. Das vorlaute „Weiter so“, das schon Stunden nach der Entscheidung des Kartellamtes und wohl ohne deren genaue Kenntnis der Begründung verbreitet wurde, passte zum autokratischen Dilettantismus der Bundesregierung. Wäre es nur provinziell und peinlich, man könnte darüber schmunzeln, aber im Gebaren Tiefensees wie Thierses offenbarte sich dabei ein autoritäres Staatsverständnis, dem anders als bei den bauseligen französischen Präsidenten jeder ästhetische Feinsinn abgeht. Verkommen zu einer Städtebauoperette, reiht sich ein Verfahrensfehler an den nächsten, greifen kulturelle Ignoranz und kulturpolitische Ratlosigkeit ineinander. Was man mit dem üppig dimensionierten Humboldt-Forum am Ende will, ahnen nur wenige. Teurer wird es wohl auch und zunehmend ungeliebt sowieso.

 

Hans Kollhoff findet das „Weiter so“ des Ministeriums „vollkommen unverständlich“. Für ihn ist klar, dass das Ministerium die bestehenden Verträge sowohl mit Stella als auch mit den beiden Unterstützerkommandos aus Hamburg und München lösen muss. Das Ignorieren des 50 Seiten starken Kartellamtsbeschlusses könne er sich nur mit dem Druck im Wahlkampf erklären. Kollhoff bleibt ein „begeisterter Befürworter der Humboldt-Idee im Schloss“. Weder wolle er die Idee des Schlosses noch den Zeitplan gefährden, aber er bestehe auf einem fairen Verfahren.

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Berliner Morgenpost, 12.09.2009