Das Berliner Schloss kommt

Das Berliner Schloss kommt

Die letzten elf Jahre lag der Wiederaufbau des Berliner Schlosses in den Händen sozialdemokratischer Bauminister. Mit der Asbestsanierung des Palastes der Republik begann Franz Müntefering, es folgten Reinhard Klimmt, Kurt Bodewig, Manfred Stolpe und schließlich der nun scheidende Wolfgang Tiefensee. Weshalb mancher die Rekonstruktion der Hohenzollernresidenz als Humboldt-Forum für ein primär sozialdemokratisches Anliegen hält. Tatsächlich aber war der Rückhalt für dieses Jahrhundertprojekt bei Schwarz-Gelb von Beginn an um ein Vielfaches größer. Im Bundestag stimmten 2002 Union und FDP nahezu geschlossen für die Schlüterschen Barockfassaden, während bei den Sozialdemokraten eine klare Mehrheit der modernen Architektur eine Chance geben wollte.

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Insofern wäre es eine Überraschung gewesen, wenn ausgerechnet die bürgerliche schwarz-gelbe Koalition beschlossen hätte, dieses gleichermaßen geschichtsbewusste wie bildungsorientierte Projekt um Jahre zu verschieben. Nicht zuletzt weil Angela Merkel überzeugt ist von der Idee, bekennen sich die künftigen Regierungsparteien zum Schloss: „Der Bundestagsbeschluss zum Bau des Humboldt-Forums am historischen Ort und in der äußeren Gestalt des Berliner Stadtschlosses wird realisiert“, heißt der entsprechende lapidare Satz im Koalitionsvertrag. Die Pointe ist, dass mit Bauminister Peter Ramsauer ausgerechnet ein Bayer Preußens bedeutendstes Schloss wiederaufbauen wird.

Als ein reines Retro-Projekt lässt sich das Vorhaben aber nicht bezeichnen, werden hinter den Schlüterschen Fassaden doch die außereuropäischen Kunstsammlungen präsentiert – der programmatische Anspruch heißt: „Gleichwertigkeit“ mit den abendländischen Schätzen der Museumsinsel. Diese Aufwertung von Töpferwaren und Einbäumen erscheint vielen Konservativen als Ausdruck der aktuellen political correctness. In ihrem Milieu wird immer wieder die Berliner Gemäldegalerie mit den Alten Meistern als idealer Nutzer genannt.<!– Inject Script Filtered –><!– Inject Script Filtered –>

Es ist aber gerade die Kombination von historischer Gebäudehülle und einem Inhalt, der weit in das 21. Jahrhundert weist, die dem Humboldt-Forum ein außergewöhnliches, weltweit einzigartiges Profil verleihen wird. Diese doppelte Kodierung passt durchaus zu einer Bundesregierung, die ihrem Koalitionsvertrag den Titel „Wachstum, Bildung und Zusammenhalt“ vorangestellt hat. Dem Berliner Schloss fehlt jetzt nur noch das Wachstum.

Kommentar von Rainer Haubrich

Die Welt, 26.10.2009