Das Berliner Schloss in Nöten

Das Berliner Schloss in Nöten

Es war eine Überraschung, als Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee im November vergangenen Jahres verkündete, den Architektenwettbewerb für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses samt einem sogenannten Humboldt-Forum darin habe ein Architekt namens Franco Stella aus Vicenza gewonnen – einer Stadt, in der, vor mehr als fünfhundert Jahren, immerhin der berühmte Baumeister Palladio starb, die aber seitdem keine vergleichbaren Kaliber hervorbracht hat.

Stella war nahezu unbekannt – und jetzt werfen Recherchen der Kunstzeitschrift „Art“, die gestern in der Online- Ausgabe des Magazins veröffentlicht wurden, und des Berliner Magazins „Zitty“ weitreichende Fragen auf.

Der siegreiche Architekt soll gleich zwei Bedingungen der Ausschreibung nicht erfüllt haben. In den Jahren 2004 bis 2006 hätte er „im Schnitt mindestens 300 000 Euro Umsatz pro Jahr erwirtschaften müssen“; nach dem derzeitigen Stand der Recherche habe Stella nach einem Projekt in Padua von 2002 aber kein Projekt mehr gebaut.

Eine weitere Bedingung lautete, dass jeder Teilnehmer mehr als drei festangestellte Mitarbeiter beschäftigen musste. Laut Recherchen hatte Stella damals jedoch nur einen. Stimmt das, hätte er also gar nicht teilnehmen dürfen. Stella musste den Mindestumsatz nur durch eine Unterschrift bestätigen, nicht aber nachweisen. Seine Angaben wurden, wie ein Mitarbeiter des Ministeriums dieser Zeitung gegenüber bestätigte, auch dann nicht überprüft, als Stella als Gewinner feststand. Man kann die Kritik an dieser Laxheit natürlich für Haarspalterei halten – aber die Nonchalance, mit der das Ministerium erst (durchaus fragwürdige) Zulassungskriterien aufstellt, sie dann aber weitehend ignoriert, ist schon erstaunlich.

Die Gegenposition lautet: Beide Bedingungen sollten lediglich garantieren, dass der Architekt in der Lage wäre, ein solches Großprojekt zu stemmen, und da Stella inzwischen mit dem betreffs Mindestgröße unverdächtigen Büro Hillmer & Sattler und Albrecht zusammenarbeitet, sehe man diesbezüglich kein Problem – doch ob dieses Argument dem juristischen wie politischen Druck bei einem solchen nationalen Prestigeprojekt standhält, ist noch die Frage. Falls aufgrund der neuen Faktenlage Wettbewerbsteilnehmer klagen sollten, werden Gerichte entscheiden müssen, welche Konsequenzen der Verfahrensfehler hat – wenn es denn einer war; noch ist ja nicht ausgeschlossen, dass Stella bisher geheimgehaltene Projekte und Mitarbeiter hervorzaubert.

FAZ, 01.07.2009 .