Das Barock vor dem Untergang
(…)
Es kommt, vielleicht, später – oder doch nicht? Täglich gibt es neue Meldungen zum geplanten Bau des Berliner Stadtschlosses. Eigentlich wird es ja lieber „Humboldt-Forum“ genannt. Das klingt weniger emotional. Erst recht, seit die Bundesregierung die Kürzung von Sozialleistungen plant. Dennoch bleibt das Schloss für die einen eine Herzensangelegenheit, während die anderen sich nie dafür erwärmen konnten. Weil die Rekonstruktion als Restauration verstanden werden kann, jedenfalls von Phantasien und Bildern der Hohenzollern-Dynastie. Denn der Inhalt der barocken Hülle ist nach dem Willen des Souveräns weder der Aristokratie noch einer anderen herrschenden Klassen gewidmet – sondern den Wissenschaften und den Kulturen der Welt.
Was stünde Deutschland 65 Jahre nach dem verheerenden Ende eines nationalistischen Irrwegs besser an als das? So ähnlich argumentiert zum Beispiel die quirlige Chefin des Ethnologischen Museums in Dahlem. Viola König nennt es „typisch deutsch“, dass nur an abgelegenen Orten der Stadt Platz für andere Kulturen ist. Ihnen widme die „Grande Nation“ Frankreich mit dem „Musée du Quai Branly“ eines ihrer „Grands Projets“, ohne Blick auf die Kosten. Dagegen muss das Ethnologische Museum mit einstürzenden Altbauten in Dahlem vorlieb nehmen. Zudem soll auch noch das Depot nach Friedrichshagen verlegt werden. Wenn das Humboldt-Forum nicht kommt, „dann gäbe es Ausstellungen ohne Besucher in Dahlem und Wissenschaftler ohne Anbindung in Friedrichshagen“, sagt König. Da fragt sich die Museumsdirektorin: „Wie soll der Träger dann die teure Generalsanierung rechtfertigen?“
(…)
Das alles war in der Debatte um das Stadtschloss bisher aber eher eine Nebensache. Gestritten wurde vor allem um die Hülle. Nicht ein kühner Entwurf machte das Rennen, sondern ein Kompromiss: Vorne historisierend, hinten modernistisch. Keinen großen Wurf – etwas von allem zeichnete der bis dahin unbekannte Architekturprofessor Franco Stella aus der Provinz Vicenza in seinen Beitrag für den Architekturwettbewerb zum Schloss. Sein Beitrag?
Bald nach der Entscheidung des breit getragenen Beschlusses im Bundestag für den Bau eines Schlosses sowie nach der Entscheidung der Wettbewerbsjury für diesen Entwurf wurde über dessen Qualität gestritten, darüber, wie er zustande kam. Am Ende musste das Gericht sogar entscheiden, ob Stella mit seinen wenigen Aufträgen und Mitarbeitern überhaupt die Bedingungen zur Teilnahme am Wettbewerb erfüllte. Geklärt wurde das nie, auch vor Gericht nicht – der Richter verließ sich auf Stellas Angaben. Weil die Politik das Schloss so wollte?
(…)
Dass die Planungsarbeiten fortgeschritten und Millionen bereits ausgegeben sind, könnte auch den politischen Schlingerkurs erklären, der nach der „Sparklausur“ in der vergangenen Woche begann. Am Montag hatte die Koalition die Fortführung des teuren Bauprojektes in dieser Legislaturperiode infrage gestellt. Am Dienstag relativierte Bauminister Peter Ramsauer (CSU) den Planungsstopp und sprach sich für eine Grundsteinlegung schon im Jahr 2013 aus. Am Donnerstag plauderte Kulturstaatssekretär Bernd Neumann (CDU) aus der Sparklausur, Kanzlerin Angela Merkel habe sich gegen „eine Zahnlücke in der deutschen Hauptstadt“ ausgesprochen und hinzugefügt: „Wir wollen es machen, und wir werden es machen“. Basta-Politik à la Schröder? Klarheit darüber wird es erst geben, wenn der Bundestag beschlossen hat, was in welchem Umfang im Etat des Bundes gestrichen wird.
Der Tagesspiegel, 13.06.2010
Deutsch
English
Francais
