Das Armutszeugnis auf dem Schlossplatz
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Man wird sich vorerst gewöhnen müssen an den weiten, leeren Rasen in Berlins Mitte. Das Vakuum im Zentrum ist das, was es ist: ein Armutszeugnis. Das ist zu begrüßen, allein schon des Realismus wegen. Die leere Mitte wird ein Denkmal der öffentlichen Armut werden, des Zwangs zur Sparsamkeit. Der Staat, der in den kommenden Jahren seinen Bürgern das Äußerste abverlangen muss, um seine Schuldenlast zu reduzieren, hat hier die Gelegenheit, für alle sichtbar selbst Verzicht zu üben. Die Prärie in der Mitte wäre dann Minimalismus pur, sinnlich gewordene Sparsamkeit. Seht her: Hier verabschiedete sich die Nation von ihrem kulturellen Prestigeobjekt und hinterlässt eine klaffende Lücke – bereit für den Reichtum fernerer Jahre.
Zu solch radikaler Symbolpolitik will sich die Bundesregierung jedoch nicht hinreißen lassen und setzt auf Verzögerung um Jahre. Das Bauvakuum bleibt also bestehen und damit die symbolisch bezeugte Armut, zugleich aber auch das luxuriöse Wolkenkuckucksheim einer irgendwann an dieser Stelle wieder zu heilenden Baugeschichte.
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Berliner Zeitung, 08.06.2010
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