Bloß keine Geschichte in Vitrinen
Der Architektenwettbewerb für das Berliner Stadtschloss steht vor der Entscheidung: Ein Gespräch mit Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee und dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, über die Planungen für die neue Mitte der Republik.
Herr Tiefensee, Herr Parzinger, am Freitag nächster Woche wird der Sieger des Architektenwettbewerbs zum Humboldt-Forum vorgestellt. Gibt es eine Überraschung, vielleicht sogar einen Eklat, oder läuft alles wie geplant?
Wolfgang Tiefensee: Ich bin zuversichtlich, dass wir einen Entwurf prämieren können, der den hohen Ansprüchen genügt, die an das Projekt gestellt werden. Es ist eine sehr komplexe und schwierige Aufgabe, aber die Architekten werden sie zu meistern wissen.
Es gab ja verschiedenste Gerüchte über den Verlauf des Wettbewerbs. So hörte man, es gebe Entwürfe, die ein Hochhaus hinter den Fassaden des Schlosses vorsähen. War die Ausschreibung vielleicht doch zu eng gefasst?
Tiefensee: Darf ich kurz in die Historie gehen? Ich kam im November 2005 in dieses Ministerium, habe die Schublade aufgezogen und ein Konzept vorgefunden, das Public Private Partnership vorsah, ein Museum mit unterschiedlichen Nutzungen, kombiniert mit einem Hotel, zwei Etagen Tiefgaragen druntergeschoben – ein Entwurf, der 670 Millionen Euro gekostet hätte. Ich habe eine andere Herangehensweise durchgesetzt, den „konzentrierten Entwurf“, der sich ausschließlich auf die kulturelle Nutzung fokussiert. Damit haben wir es geschafft, zum einen die Aufgabe stark zu verdichten, zum anderen die Kosten deutlich zu minimieren. Jetzt ist zwar noch immer eine komplexe Aufgabe zu bewältigen, aber sie ist wirtschaftlich machbar und klar umrissen, sowohl was Kultur als auch was Städtebau und Historie angeht.
Aber der grundsätzliche Widerspruch zwischen der Barockfassade und der Schlosskubatur und der Nutzung im Inneren bleibt. Das spiegelt sich auch in der Diskussion zwischen Architekten, die das Schloss überhaupt nicht wollen, und Politikern, Historikern und Bürgervereinen, die es am liebsten als Ganzes wiederhaben möchten.
Hermann Parzinger: Es muss deutlich werden, dass es keinen Widerspruch gibt. Das ist ein entscheidender Punkt für den Erfolg des Projekts. Dabei sind zwei Aspekte wichtig: Erstens, dass es nicht eine vorgeblendete Fassade geben wird, hinter der etwas völlig anderes steckt à la Braunschweig. Ich stelle mir vor, dass wir Elemente finden, die ästhetisch zwischen Alt und Neu vermitteln. Das könnte zum Beispiel bei den Portalen geschehen, aber auch in anderer Form. Der zweite Punkt ist, dass sich auch im Inneren Altes finden wird. Wir wollen einige Raumfolgen, wie zum Beispiel die Kunst- und Wunderkammern, im alten Zustand nachbauen. Das ist entscheidend, weil sich daran zeigen lässt, wie sehr das Konzept Humboldt-Forum geschichtlich verankert ist. Die ersten Museumssammlungen waren im Schloss, hier fand das erste wissenschaftliche Sammeln von Büchern statt, und die naturkundliche Sammlung der Humboldt-Universität hat hier ihren Ursprung. Das, was aus dem Schloss hervorgegangen ist, kehrt jetzt dorthin zurück.
Das bedeutet aber, dass die Fenster der Fassade die Geschosshöhen vorgeben. In den ersten drei Geschossen wird man dann sehr hohe Räume haben. Nicht alle Kuratoren der Dahlemer Sammlungen sind von dieser Aussicht begeistert.
Parzinger: Das Problem sid weniger die Höhen als die Raumtiefen. Wenn wir den kompletten Schlossgrundriss nachbauen, bekommen wir schlauchartige Raumfolgen. Deshalb gibt es Überlegungen, den Bereich westlich des Schlüterhofs, der nicht festgelegt ist, freier zu gestalten. Das gilt gerade auch für die Agora, den zentralen Ort, von dem aus sich die verschiedenen Bereiche erschließen sollen. Die Geschosshöhen sind im Auslobungstext vorgegeben, die Entwürfe müssen sie einhalten.
Tiefensee: Statt ursprünglich fünfzigtausend sind jetzt vierzigtausend Quadratmeter Hauptnutzfläche vorgesehen. Deshalb können wir mit einem Raumprogramm umgehen, das die historische Kubatur des Schlosses im Blick behält, moderne Nutzung möglich macht, aber eben auch die Beschlüsse des Bundestages umsetzt. Die Fassaden Nord-Süd-West sind festgelegt, ebenfalls der Schlüterhof. Aber es soll auch die historische Spanne der Nutzung des Ortes über die Jahrhunderte erlebbar sein, vom frühen 18. Jahrhundert bis hin zum Palast der Republik. Da könnte die Gestaltung der Ostseite ein Ansatzpunkt sein.
Sie haben sich dafür stark gemacht, bei der Spreefassade auf die DDR-Geschichte Bezug zu nehmen. Manche würden darauf gern verzichten.
Tiefensee: Im Auslobungstext wird die städtebauliche Entwicklung des Schlossareals ausführlich erläutert. Es wird deutlich, dass die Geschichte des Schlosses nicht 1950 endet, sondern dann geht es weiter an diesem Platz. Da bietet der Beschluss des Bundestages durchaus Gestaltungsmöglichkeiten. Ex oriente lux, ex occidente luxus! Vielleicht kann man das auch bei der Neugestaltung der Ostfassade und des Eosanderhofs möglich machen.
Wie sieht das Geschichtsbild dieses Gebäudes aus? Preußen trifft die DDR unter dem Dach der Berliner Republik?
Tiefensee: Es ist wichtig, Geschichte erlebbar zu machen und nicht eine Zeitspanne auszublenden. Aber im Wesentlichen geht es um die Ausstellungen. Es geht darum, die außereuropäische Kultur in der Mitte Berlins zu zeigen. Und zwar nicht, indem Besucher mit verschränkten Armen vor einer Vitrine stehen. Sondern indem wir dazu beitragen, dass sich kontroverse Diskussionen entwickeln und persönliche Sichtweisen revidiert werden. Da hilft zum Beispiel der Einsatz moderner Medien in der Agora.
Aber der beherrschende Anblick ist die Barockfassade von Schlüter. Wie macht man nach außen sichtbar, dass dahinter ein Forum der Weltkulturen steckt?
Parzinger: Natürlich wird man von außen die Barockfassade sehen. Wenn man dann durch das Portal den Innenbereich betritt, würde ich mir wünschen, von einer großartigen, einladenden Architektur empfangen zu werden. Ich habe immer gesagt, dass für mich Museumsinsel und Schloss in einem inhaltlichen Zusammenhang stehen. Beide zusammen sind der Ort der Weltkulturen. Ich bin dabei, in ganz Europa in Vorträgen dieses Projekt vorzustellen. Fast überall, wo sich die großen Museumszentren auf das einundzwanzigste Jahrhundert vorbereiten, ist das verbunden mit der Frage nach dem Umgang mit alter Architektur.
Wird es nach dem Wettbewerb eine neue Kostenschätzung geben?
Tiefensee: Wenn Sie die Gesamtkosten meinen: nein. Aber natürlich werden wir die Kosten des prämierten Entwurfes durchrechnen und dem Parlament vorlegen. Die 440 Millionen Euro, die der Bund für den reinen Bau zur Verfügung stellt, aufgestockt auf 552 Millionen durch die anderen Geldgeber, sind als Kostenobergrenze festgeschrieben. Das können wir durch ein kluges Projektmanagement einhalten. Wir verzeichnen gerade zum Beispiel wieder sinkende Stahlpreise. Die Kosten für die Einrichtung des Humboldt-Forums kommen dazu. Übrigens gibt es auch, was die Mehrkosten der Rekonstruktion der historischen Fassade betrifft, eine klar definierte Summe, und ich gehe davon aus, dass wir mit dieser Summe auskommen. Die Anforderung an die Architekten ist ja genau, im Rahmen des Kostenvolumens zu bleiben. Darauf werden wir peinlich achten.
Bei der Bedeutung dieses Projekts fragt man sich, warum der Bundestag bei seinem Beschluss von 2002 so mutig und seither so knauserig gewesen ist. Man will das Schloss, aber zum Sparpreis.
Tiefensee: Wir gehen prinzipiell sorgfältig mit Steuergeld um. Und wir sind alles andere als knauserig. Über eine halbe Milliarde! Das ist doch kein Sparentwurf. Wir haben allen Ballast – Stichwort: Tiefgarage, Hotel – abgeworfen und können mit den uns zur Verfügung stehenden Mitteln, einer Riesensumme Geldes immer noch, höchste Qualität realisieren.
Wilhelm von Boddien und der Förderverein Berliner Schloss haben mit ihrer Fassaden-Simulation im Jahr 1993 die öffentliche Meinung zugunsten des Schlossneubaus gedreht. Warum hat der Bund den Schlossverein nicht auf eine symbolische Rolle bei dem Projekt beschränkt und die Rekonstruktion der Fassade selbst in die Hand genommen?
Tiefensee: Genauso ist es doch. Der Bund ist Bauherr. Wir binden die privaten Spender aber eng ein. Wir werden eine gemeinnützige Stiftung errichten, die die Aufgaben bündelt und die Bauherrenfunktion übernimmt. Sie wird in ihren Gremien alle Beteiligten adäquat abbilden, auch den Förderverein Berliner Schloss. Sie wird im Übrigen auch dafür sorgen, dass das Geld, das der Förderverein akquiriert, einfließen kann in diesen Bau.
Herr von Boddien stellt es so dar, als würde er selbst die Sachleistungen erbringen, also die Fassadenteile liefern.
Tiefensee: Nein. Das war ganz am Anfang in der Diskussion, aber wir sind uns längst einig, dass es nicht um Sach-, sondern um Geldleistungen geht.
Was geschieht, wenn der Förderverein seine finanziellen Zusagen nicht einhält? Springt dann der Bund ein?
Tiefensee: Wir wollen dem hohen Anspruch des Vereins nicht dadurch den Wind aus den Segeln nehmen, indem wir über hypothetische Fragen diskutieren.
Aus der Architektenjury hört man deutlich Zähneknirschen. Wie viel Selbstverleugnung kann man den Fachpreisrichtern zumuten, und was muss man ihnen anbieten, damit sie am Ende einem Entwurf zustimmen, der der Politik gefällt?
Tiefensee: Der Bundestag hat sich ausführlich mit diesem Projekt beschäftigt. Und er hat Vorgaben gemacht, in denen sich die Architekten bewegen müssen. Das lässt viel Spielraum übrig, aber diese Vorgaben gibt es. Genauso, wie wir über die Verbindung zwischen dem frühen achtzehnten und dem späten zwanzigsten Jahrhundert gesprochen haben, stehen wir ständig vor der Aufgabe, mit der Tradition, aus der wir kommen, in einer globalisierten Welt umzugehen. Das jetzt in einem Bauwerk abzubilden ist die spannende Aufgabe. Also nicht einen Platz einfach völlig neu zu gestalten oder ihn durch Historisierung bis ins letzte Detail vollständig wiederzuerrichten – das wären die beiden Extreme. Sondern eine Lösung zu finden, die anders als beim Römer in Frankfurt oder dem Schloss in Braunschweig einen Weg weist, wie man in unserem Jahrhundert mit einer solchen Aufgabe umgehen kann.
Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz möchte im Humboldt-Forum einen möglichst großen Teil ihrer außereuropäischen Sammlungen unterbringen. Haben Sie sich mit der Humboldt-Universität und der Zentral- und Landesbibliothek über die Platzverteilung geeinigt?
Parzinger: Von den Flächen her ist die Verteilung klar. Worüber wir diskutieren, sind die Schnittstellen. Wir wollen zum Beispiel im Bereich der kulturellen Bildung zusammenarbeiten, das ist ja auch ein Anliegen der Bundesregierung. Wir wollen ferner auch in der Forschung kooperieren, in den sogenannten Werkstätten des Wissens, und dabei Bereiche schaffen, in denen der Besucher etwas über unsere Wissensarchive außereuropäischer Kulturen erfahren kann.
Was halten Sie von der populären Idee, einen Generalintendanten für das Humboldt-Forum einzusetzen?
Parzinger: Mir sind keine Überlegungen dazu bekannt. Es gibt die Bereiche, die von den drei Einrichtungen im Humboldt-Forum verantwortet werden, und nur von diesen. Was es aber braucht, ist ein Intendant für die Agora. Er wird für ein Veranstaltungsprogramm verantwortlich zeichnen, das den Bau zusätzlich beleben und die Vielfalt der außereuropäischen Welt aufzeigen soll. Ihm sollte ein Programmbeirat zur Seite stehen, in dem auch die am Humboldt-Forum beteiligten Einrichtungen vertreten sind. Für den Gesamtbetrieb braucht man keinen Intendanten.
Wann, glauben Sie, wird das Humboldt-Forum eröffnet werden?
Tiefensee: Wir wollen Ende 2013 fertig sein mit dem Bau. Dann brauchen die Nutzer noch ein Jahr, um sich einzurichten. Voraussetzung ist ein Entwurf, der im Bundestag eine breite Mehrheit findet. Dann können wir schon im ersten Quartal 2009 eine Entscheidung fällen. Nach eineinhalb Jahren für eine solide Planung könnten wir im Jahr 2010 mit dem Bau beginnen.
Parzinger: 2013/14 wäre großartig. Wenn es dann aber doch Anfang 2015 werden sollte – fünfundzwanzig Jahre deutsche Einheit, das wäre doch ein tolles Datum.
Das Gespräch führte Andreas Kilb.
FAZ, 22.11.2008
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