Bitte endlich anfangen!
Von Bernhard Schulz
Es ist fast nicht zu glauben. Ende dieser Woche soll die Entscheidung darüber fallen, wie und von wem das Schlossareal, das Gelände des 1950 gesprengten Schlosses im Herzen Berlins, in den kommenden Jahren und vielleicht schon bis 2013 bebaut werden soll. 2013 – das wäre erneut eines dieser jubiläumsträchtigen Daten, zu denen die deutsche Geschichte offenbar eine besondere Neigung hat. Dann nämlich läge die Simulation des Schlosses durch bemalte Plastikplanen exakt zwanzig Jahre zurück.
Zwanzig Jahre, in denen alle, wirklich alle Argumente hin- und hergewälzt worden sind, die für oder gegen eine Schloss- Replik sprechen, für die Heilung dieser so schmerzlichen Schloss-Wunde, die der Bau des „Palast der Republik“ genannten Vorzeigehauses der DDR nie hat füllen können. Zwanzig Jahre, in denen städtebaulich und architektonisch viel, ja im Grunde alles hätte geschehen können, aber nichts weiter sich vollzog als der rekordwürdig langsame Abriss eben jenes „Palastes“, für dessen Dauer eine offenbar weltbedrohliche Asbestverseuchung herhalten musste, um die quälende Unentschlossenheit der Politik zu überdecken.
Das wenigstens ist nun – zum Glück! – Geschichte. In anderer Hinsicht waren die zwanzig Jahre nicht ganz so vertan. Immerhin ist erst in der Zwischenzeit der Geniegedanke des Humboldt-Forums geboren und vertieft worden. Der Deutsche Bundestag hat sich des Bauvorhabens angenommen und 2007 noch einmal abschließend bekräftigt, dass ein Neubau in der Dimension und mit den drei Hauptfassaden des von Andreas Schlüter 1700 entworfenen Schlosses entstehen soll. Und er hat beschlossen, im Inneren des immerhin 50 000 Quadratmeter messenden Bauwerks eben dieses Humboldt-Forum einzurichten, eine Mischung aus Museum, Bibliothek und Veranstaltungsforum, das den Kulturen Außereuropas gewidmet sein soll, um den weltoffenen, weltzugewandten Charakter der längst in ein größeres Paar Schuhe gewachsenen Bundesrepublik eindrücklich zu unterstreichen.
Das alles ist nun so oft und umfassend erörtert worden, dass die Querelen der jüngsten Tage mehr denn als bloßes Gerangel Zorn erregen. Juroren, die sich in voller Kenntnis der Bundestagsvorgaben haben berufen lassen, melden mit einem Mal Widerspruch gegen die Schloss-Entscheidung an, und multikulturell gesonnene Geister, deren Beifall für die Außereuropa-Ausrichtung des Forums jahrelange Begleitmusik war, warnen vor dem vermeintlichen Auseinanderreißen der weltbedeutenden Berliner Sammlungen auf Museumsinsel und Schlossplatz. Solch bedenkenträchtige Koinzidenz macht stutzig. Womit haben wir es eigentlich zu tun? Um einen letzten Versuch, die Entscheidung für die Wiedererrichtung des Schlüter-Schlosses zum einen, die Übersiedlung der außereuropäischen Museumssammlungen aus dem beschaulichen Dahlem nach Mitte zum anderen doch noch zu Fall zu bringen? Soll die Diskussion der zurückliegenden Jahre, mit ihren sorgsam austarierten Expertenkommissionen, ihren mit beeindruckenden Mehrheiten gefassten Bundestagsbeschlüssen und den stets aufs Neue bekräftigten Bekenntnissen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz als Trägerin des Humboldt-Forums erneut aufgerollt und dergestalt ad absurdum geführt werden? Wer immer dem Humboldt-Schloss feindlich gesonnen sein mag: Die Diskussion ist mit dem Urteil der Jury am kommenden Freitag nicht beendet, keine Sorge – aber sie wird endlich auf einer rundum sichtbaren Entscheidung beruhen können.
Und es hat einen Generationswechsel in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz gegeben. An deren Spitze steht seit dem Frühjahr mit dem 49-jährigen, weltweit ausgewiesenen Archäologen Hermann Parzinger ein Wissenschaftsmanager, der wie kaum ein Zweiter berufen ist, die gewiss nicht geringen Probleme des Humboldt-Forums zu benennen, zu erörtern und – zu lösen. Das wird ein spannender Prozess, bei dem Berlin als Ort der Zukunftsentwürfe nur gewinnen kann. Aber jetzt lasst uns, nach zwanzig Jahren Bedenkenträgerei, bitte endlich anfangen!
Tagesspiegel, 24.11.2008
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