Berlins temporäre Liegewiese

Berlins temporäre Liegewiese

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Das Temporäre ist in Berlin so sehr in Mode gekommen, dass es Überdruss erzeugen kann. Gibt es überhaupt noch etwas Neues in dieser Stadt, das nicht vorläufig und vorübergehend angelegt ist, sondern – seien wir großzügig – 100 Jahre Bestand haben könnte? Etwas, das nicht unter die Gattung «Zwischennutzung» fällt, diesem beliebten Schwebezustand, der sich nicht auf Endgültiges festlegen muss.

Neu ist dabei nur der Begriff Zwischennutzung, nicht aber das Phänomen, das er beschreibt. Seit Beginn des 20. Jahrhunderts wird Berlin nun schon attestiert, immer zu werden, aber niemals zu sein. Das Vorübergehende scheint hier zum Charakter zu gehören. Für seine historische Mitte muss Berlin eine Reset-Taste wie ein Computer besitzen: abreißen, neu bauen, wieder einreißen, jahrelang planen, kein Geld, Zwischennutzung.

Die einen stört das sehr. Sie vermissen die Verlässlichkeit von Städten, in denen sie am Ausgang einer U-Bahnstation mit dem Namen Stadtmitte einen Marktplatz mit Rathaus und Kirche vorfinden. In Berlin stehen sie mitten auf der Friedrichstraße – in Sichtweite des nachgebauten Checkpoints Charlie, vor dem uniformierte Schauspieler Amerikaner und Russen mimen.

Die anderen sehen in Berlins Unfertigkeit die Basis für die hochgeschätzte und anziehende Kreativität der Stadt. Zwischennutzung, das hieß nach der Wende Clubleben in Halbruinen, Strandbars auf brachliegenden Spree-Grundstücken und Lädchen in billigen Erdgeschoss-Wohnungen. Gern stand das Wort für die Kulturevents, die den Abriss des Palasts der Republik erfolgreich ummantelten. Nun heißt Zwischennutzung in Berlins Mitte: warten auf das 550 Millionen Euro teure Stadtschloss, das von 2010 bis 2013 gebaut werden soll. Warten immerhin auf einer 100 000 Euro teuren grünen Liegewiese.

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Der Hang zum Temporären hat manchmal sogar seine Tücken. Die Standbars an der Spree wollen den Investoren nicht weichen, die zwischengenutzte Grundstücke gekauft haben – und nun Baurecht haben. Eine Art linke Stadt-Guerilla legt Feuer, um in Szene-Kiezen gegen Neubauten auf Brachflächen zu protestieren. Es scheint, als ob das Temporäre beharrlicher sein kann, als gewünscht. Vielleicht hat auch die temporäre Wiese auf dem Schlossplatz irgendwann mehr Freunde als das Stadtschloss selbst.

Die Zeit, 10.07.2009