Berlins Schloss braucht eine Kuppel

Berlins Schloss braucht eine Kuppel

Schon Eosander wollte sie: Wie der Barockbau zu seiner Bekrönung kam.

Mit dem in dieser Woche bekannt gewordenen Zeitplan des Bundesbauministeriums für den Wiederaufbau des Berliner Schlosses als „Humboldtforum“ bis zum Jahre 2013 ist wieder Bewegung in die Debatte um diesen bedeutenden Neubau des Landes gekommen.
Dabei wurde auch diskutiert, ob man den Barockbau nicht ohne Kuppel wiederaufbauen könne, schließlich sei das historische Bauwerk bis 1851 auch nicht von einer Kuppel gekrönt gewesen (WELT v. 17.2.). Dass es nicht zu einem Kuppelbau kam, lag allerdings an äußeren Einflüssen, nicht an den Plänen der Architekten. Das Schloss wirkte deswegen immer unfertig, das Portal III an der Westfassade wie ein riesiger Torso. Das neue Berliner Schloss darf deshalb nicht ohne Kuppel bleiben.
Ursprünglich sah die Planung des ersten Schlossbaumeisters, Andreas Schlüter, an der Nordwestecke des Schlosses einen 120 Meter hohen Turm vor, den sogenannten Münzturm. Hierfür wurde der kleinere, bereits existierende Turm, in dem sich die Münze und die Wasserkunst befanden, in seinen Fundamenten verstärkt und verbreitert und mit dem Riesenturm überbaut. Weil der Baugrund des Schlosses im Schwemmgebiet der Spree zwischen den beiden Flussarmen äußerst unsicher war, verließ sich Schlüter auf die bewährte Fundamentbauweise: ein riesiger Rost aus Hunderten von Eichenpfählen bildete die Basis. Die Pfähle waren höchstens 20 Meter lang und reichten nicht bis in den gewachsenen Boden herab. Schlüter konnte nicht ahnen, dass er seinen Turm ausgerechnet über einer mächtigen Torflinse gründete.
Das Tausende von Tonnen schwere Gewicht des Turmes drückte diese Linse einseitig ein. Der fast fertige Turm neigte sich und war auch nicht mehr mit rasch angebauten Flügelbauten zu stabilisieren. Schlüter musste ihn 1705 wieder abbrechen, da höchste Einsturzgefahr bestand. Er wurde 1706 mit Schimpf und Schande entlassen, nicht ohne kräftige, intrigante „Nachhilfe“ seines Erzrivalen und Günstlings der Königin Sophie Charlotte, Johann Eosander, gen. von Göthe. Dieser wurde sein Nachfolger.
Eosander verdoppelte und drehte das Schloss nach Westen, das neue Hauptportal seiner Fassade war dem Triumphbogen des Septimus Severus am Fuße des Kapitols auf dem Forum Romanum nachempfunden. Der Abraum des Münzturms wurde als riesige Fundamentlage für dieses, später nach ihm benannte Eosander-Portal verwendet. Es sollte von einer ebenfalls 120 Meter hohen Kuppel gekrönt werden, mit doppelter Kolonnade unter dem Dom. Aber auch dieser Plan stand unter einem schlechten Stern. Als König Friedrich I. im Jahr 1713 starb, war weder der Kuppelbau begonnen, noch hatte Eosander seinen Westflügel vollenden können.
Der Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. erbte ein völlig überschuldetes Land. Als Eosander dem verstorbenen Friedrich I. auch noch ein luxuriöses Staatsbegräbnis ausrichten ließ, schäumte der junge König wegen der damit verbundenen Kosten vor Wut und verjagte Eosander aus seinen Diensten – wie die meisten anderen Künstler. Auch Andreas Schlüter, der nach seiner Absetzung immer noch Hofbildhauer geblieben war, verließ Preußen 1713 und ging nach St. Petersburg, wo er kurze Zeit später starb. Der Schlossbau in Berlin wurde zwischen 1714 und 1716 von seinem Schüler Martin Heinrich Böhme vollendet, der Kuppelbau wurde gestrichen – aus Geldmangel.
Die Planung für den Weiterbau des Schlosses ruhte über 100 Jahre. Friedrich der Große wählte Potsdam zu seinem Regierungssitz, nur im Winter zur Karnevalszeit weilte er im Berliner Schloss, vielleicht auch wegen der schlechten Erinnerungen an seine dort verbrachte Jugend unter seinem gestrengen Vater. Die Könige Friedrich Wilhelm II. und III. beschäftigten sich mit dem weiteren Innenausbau des Schlosses und einer ersten vollständigen und teuren Restaurierung der Fassaden.
1829 entwarf Karl Friedrich Schinkel eine Kuppel – ohne Tambour. Dieser Entwurf beschäftigte Friedrich Wilhelm IV. so sehr, dass er 1840 drei eigenhändige Varianten entwickelte. Ein Jahr später starb Schinkel, sein Nachfolger wurde Friedrich August Stüler. Dieser fertigte 1841 zwei Zeichnungen nach den Vorentwürfen des Königs an. Schließlich wurde er mit dem Bau der Schlosskapelle über dem Eosanderportal beauftragt. Kapelle und Kuppel wurden dann zwischen 1845 und 1853 errichtet. Der berühmte Bildhauer Schadow entwarf den Abschluss mit der Laterne: Acht Cherubime trugen eine kleine Kuppel aus Palmenblättern, die wiederum von einem Kreuz gekrönt wurde.
Die Schlosskapelle mit der Kuppel überstand den Schlossbrand nach dem Luftangriff vom 3. Februar 1945 durchaus wiederaufbaufähig, das Stahlgerippe war intakt, die Laterne unzerstört. Walter Ulbricht, damals SED-Chef, ordnete jedoch die Beseitigung des Schlosses an. Am 30. Dezember beendete die Sprengung des Portals die seit dem 7. September 1950 laufenden Abrissarbeiten.

Die Welt, 10.03.2007