Berlins Schloss auf dem Prüfstand
Die Nachricht kam ausgerechnet an dem Tag, an dem die Bundesarchitektenkammer in Berlin ihr 40-jähriges Bestehen feierte: Wie die Vergabekammer des Bonner Kartellamtes entschieden hat, ist der Vertrag zwischen dem Bauministerium und dem italienischen Architekten Franco Stella zum Wiederaufbau des Berliner Schlosses als Humboldtforum ungültig. Nach Abschluss des Wettbewerbs, der nicht beanstandet wurde, seien Verfahrensfehler gemacht worden, alle Schritte danach müssten wiederholt werden. Nicht transparent sei auch die spätere Einbeziehung der beiden deutschen Architekturbüros gmp und Hilmer-Sattler gewesen.
Was das genau für den Fortgang des Schloss-Projektes bedeutet, wird noch eine Weile unklar bleiben. Das Bauministerium hat gegen das Urteil Beschwerde eingelegt, weswegen nun das Oberlandesgericht eine Entscheidung treffen muss, die gegen Ende des Jahres erwartet wird. Bauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) gab sich beim Fest der Architektenkammer gewohnt siegessicher. Aber für ihn ist die Schlamperei in seinem Hause eine schwere Niederlage. Und in einem Kritikpunkt des Kartellamts liegt eine besondere Brisanz: Demnach hatte das Ministerium nicht hinreichend geprüft, ob Stella die Mindestvoraussetzungen für den Wettbewerb erfüllte - nämlich einen bestimmten Umsatz seines Büros oder mindestens drei festangestellte Mitarbeiter. Laut Kennern der Verhältnisse könnte es hier bei einer genauen Prüfung eng werden für Stella.
Käme er als Vertragspartner nicht mehr infrage, rechnen die meisten Beobachter damit, dass der Bund mit den vier Drittplatzierten des Wettbewerbs Gespräche führen würde (einen 2. Preis hatte die Jury bei ihrem einstimmigen Votum für Stella nicht vergeben). Dies waren die Berliner Architekten Hans Kollhoff, Jan Kleihues, der Frankfurter Christoph Mäckler sowie Eccheli-Campagnola aus Verona. Denn der Auslober des Wettbewerbs ist nicht verpflichtet, den prämierten Siegerentwurf auch zu bauen. Allerdings hatte die Jury in ihrem einstimmigen Votum ja gerade deutlich machen wollen, dass der Entwurf Stellas um einiges überzeugender war als die Ideen der Nächstplatzierten. Ähnlich sahen es damals auch die meisten Kritiker vom Fach. Einen Sonderpreis hatte das Berliner Büro Kuehn-Malvezzi für einen eigenwilligen Entwurf erhalten, den vor allem Schlossgegner charmant finden, der aber wesentliche Vorgaben des Wettbewerbs nicht erfüllt. Das würde eine Einbeziehung dieses Büros genauso angreifbar machen wie im Falle Stella. Schließlich ist noch völlig offen, wer nach der Bundestagswahl zum Bauminister berufen wird und welche Akzente dadurch neu gesetzt werden könnten.
Hans Kollhoff zeigte sich entsprechend zufrieden über die Entscheidung des Kartellamtes. Angesichts der nun vereinzelt wieder aufflammenden Kritik an dem Projekt war es ihm aber wichtig, daran zu erinnern, dass er immer ein Anhänger der Rekonstruktion und der Idee des Humboldtforums war: "Jeder, der mich kennt, weiß, dass ich das Projekt von Anfang an unterstützt habe und es auch weiter unterstützen werde." Kern seiner Kritik sei aber, dass Stella mit der Hinzuziehung der beiden anderen großen Architekturbüros nur noch "Minderheitsgesellschafter" in dem Schlossbaubüro sei. Das widerspräche der Intention des Auslobers, "der ja gerade vermeiden wollte, einen Wettbewerbssieger zu haben, der nicht in der Lage ist, das Projekt zu stemmen".
Unerwartete Schützenhilfe erhielt Kollhoff von den Grünen, die sich am Freitag dafür aussprachen, dem klagenden Berliner Architekten eine Mitarbeit an der Realisierung des Stella-Entwurfs anzubieten. Der Grünen-Politiker Wolfgang Wieland, der als Beobachter seiner Bundestagsfraktion in der Schlossjury war, sieht darin auch eine Chance, doch noch "zu der geforderten und von Stella nicht gelieferten Agora" im Humboldtforum zu kommen. "Kollhoffs Entwurf war hier der überzeugendste", sagte Wieland. Ein langes Prozessieren sollten sich aber alle ersparen.
Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, pries dagegen die bisherige Zusammenarbeit mit Stella als "äußerst konstruktiv und harmonisch". Der Architekt verstehe die Belange und Anforderungen der Nutzer und habe sie bei der Weiterentwicklung seines Entwurfs "in kurzer Zeit auf hervorragende Weise umgesetzt". Sollte die jetzige Entscheidung des Kartellamtes zu einer Verzögerung des Planungsprozesses führen, "wäre das für alle Beteiligten sehr enttäuschend", so Parzinger. Der Präsident der ebenfalls beteiligten Humboldt-Universität, Christoph Markschies, sagte, er werde Stellas Entwurf "mit Zähnen und Klauen" verteidigen.
So unsicher derzeit die endgültige Gestalt des Berliner Schlosses sein mag - über den nächsten Neubau an diesem Ort gibt es seit vergangener Woche Klarheit. Die Firma Megaposter aus Neuss gewann die Ausschreibung für den Bau einer "Humboldt-Box", mit der nach dem Vorbild der einstigen Infobox am Potsdamer Platz von Oktober 2010 an über das Jahrhundertprojekt im Herzen Berlins informiert werden soll. Der Pavillon wird auf fünf Etagen Ausstellungsflächen sowie Platz für ein Aussichtscafé bieten. Im Erdgeschoss soll eine Schauwerkstatt für Steinbildhauer eingerichtet werden, die schon seit längerer Zeit Schmuckelemente des Berliner Schlosses rekonstruieren. Megaposter will die zunächst für fünf Jahre vorgesehene Box über Eintrittspreise und Werbeplakate refinanzieren, der Eintritt zur Werkstatt soll aber kostenfrei bleiben. Entworfen wurde die Humboldt-Box vom Berliner Büro Krüger Schuberth Vandreike, die einst beim Kanzleramts-Wettbewerb auf dem zweiten Platz landeten mit einem streng rationalistischen Kubus. Am Schlossplatz dagegen wollen sie mit einem dekonstruktivistischen Gebäude auf Stelzen das Provisorische der Box betonen.
Aber es dürften sich in Berlin auch wieder Leute finden, die diesen Lochblech-Pavillon für eine reizvolle Dauerlösung halten.
Die Welt, 14.09.2009
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