Berlins erste Wiedervereinigung
Von Ulli Kulke
Morgen vor 300 Jahren überwand die Hauptstadt schon einmal eine Trennung: König Friedrich I. schuf aus Provinznestern eine europäische Metropole
In Berlin ist alles schon mal da gewesen. Nicht nur die Mauer, die den Ostbezirk Mitte vom Westen so lange unüberwindlich trennte. Wenn wir nur tief genug graben, könnten wir Überreste finden von jener Wand, die 250 Jahre zuvor an derselben Stelle niemand hinüber- oder herüberließ, ja die auch Fluchtmanöver verhindern sollte.
Auch die Wiedervereinigung Berlins vor 19 Jahren war nicht die erste. Am 18. Januar 1709, vor genau 300 Jahren, als der preußische König Friedrich I. „das Rescript“ herausgab zur „Combinirung derer Rathhäußlichen Collegiorum und Einrichtung des neuen Magistrats in Berlin, Cölln, Friedrichs-Werder, Dorotheen- und Friedrichs-Stadt“, wuchs zusammen, was bereits mal zusammengehörte: Schon im Jahr 1307 nämlich hatten sich Berlin und Cölln zu einer Stadtunion zusammengeschlossen, doch Kurfürst Friedrich II. „Eisenzahn“ löste 1432 das Bündnis aus Angst vor einem zu mächtigen Magistrat auf. Und dann noch der gewaltige Finanzskandal, der Berlin zur Zeit des Millenniums erschütterte, die Regierung das Amt kostete und die Hauptstadt in die Pleite trieb – alles schon mal da gewesen, mit durchaus vergleichbaren Ausmaßen, ebenfalls Anfang des 18. Jahrhunderts.
Der Tag vor 300 Jahren markierte eine der bedeutsamsten Zäsuren in der Geschichte der deutschen Hauptstadt. Er war eine Etappe inmitten einer Zeit, in der zügig eine europäische Metropole emporwuchs aus dem einstigen Provinznest, das erst nach tagelanger, beschwerlicher wie gefährlicher Reise durch menschenleere Wälder, Brachland und an Sümpfen vorbei zu erreichen war. Multikulturelle Attitüde kam auf, mit gewaltiger Anziehungskraft – und fast auch schon wieder vergleichbar mit heute, da Berlin Europas stärkster Touristenmagnet ist.
Jener 18. Januar war nicht irgendein Tag. Für Friedrich war es das achte Jubiläum seines großen Tages. Acht Jahre zuvor, 1701, hatte er sich als Friedrich III., Kurfürst von Brandenburg, in Königsberg selbst zum König gekrönt und damit aus der Markgrafschaft das Kernland seines neuen Königreichs Preußen gemacht. Mit der Hauptstadt Berlin, in der damals noch gerade mal rund 25 000 Einwohner wohnten. Friedrich war machtwillig, dem Prunk zugeneigt, aber eben auch ein Freund der Wissenschaften und der Künste. Er war es, der das Berliner Stadtschloss zur großartigen Königsresidenz und die Straße Unter den Linden zum Prachtboulevard ausbauen ließ – und der damit die Richtung vorgab: Richtung Westen. Dorthin, wo heute, seit der – modernen – Wiedervereinigung, das neue östliche Stadtzentrum wogt fast wie vor dem Krieg. In Richtung Friedrichstraße und Gendarmenmarkt, dort, wo der König vor und nach seiner Krönung die Vorläufer der beiden heutigen Akademien der Wissenschaften und der Künste errichten ließ, wo das Zwillingspaar des Deutschen und des Französischen Domes entstanden. Letzterer – wie auch das französische Komödienhaus an der Stelle des heutigen Konzerthauses – war für die große Gemeinde der Hugenotten, die calvinistischen Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, die zu Tausenden kamen und von denen sich Friedrich I. kulturelle Bereicherungen versprach. In der Tat erinnern noch heute viele französische Elemente im Berliner Dialekt an die frühen Migranten.
Und vieles mehr entstand in den damals noch nicht zu Berlin gehörenden Vorstädten: das Zeughaus, das Schloss Monbijou, weiter hinten das Schloss Charlottenburg, aber natürlich nicht nur Repräsentationsbauten. Friedrichswerder und vor allem die Friedrichstadt wuchsen und wuchsen, alles damals schon benannt nach König Friedrich I. Wegen seines Haltungsschadens nannten ihn die Berliner den „Schiefen Fritz“.
Um so akkurater waren die von ihm geplanten rechtwinklig kreuzenden Straßenzüge, die heute beim Blick auf den Stadtplan der Friedrichstadt und der nördlicheren Dorotheenstadt ins Auge stechen, schnurgerade wie die Wege der zeitgenössischen Barockgärten, sodass die Friedrichstraße, das Herz des alten und neuen Berlin, über mehrere Kilometer weit zu durchschauen ist.
„Der Kerl hat Geld, soll bauen!“ Der öfters zu hörende Spruch des Königs klang nicht nur wie ein Befehl, er war einer. Wer vermögend war in der Stadt und sich weigerte, ein Wohnhaus in den Vorstädten zu bauen, verlor schnell die Gunst von Monarch und Verwaltung. Er selbst kannte keine Probleme, seine Schatulle für Regierungs- und Lustbauten oder auch für die hehren Wissenschaften und Künste zu leeren und sich darüber hinaus zu verschulden. Seine Meinung: „Ich finde aber, daß es beßer ist, sein geldt in seinem Lande roullieren zu laßen, als allein das gelt in seinen couffers liegen zu haben, und daß die unterthanen dabey auch leben können.“
Seine eigenen Investitionen, aber auch das Fordern und Fördern seiner Untertanen würde man dieser Tage als Konjunkturprogramm bezeichnen. Doch noch unbekümmerter als die heutigen Herrscher zeigte sich Friedrich über die drohende Schuldenlast. Seine neue „Akzisemauer“, die er um sein neues Groß-Berlin anlegen ließ, um zu verhindern, dass die Garnisonssoldaten türmten, die aber vor allem als Zollmauer diente, um Abgaben auf jede Einfuhr zu erzielen, konnte seinen Finanzbedarf längst nicht ausgleichen. Der Hofstaat verschlang im Jahr 1706 mit 364 758 Talern nur unwesentlich weniger als die Besoldung aller Angestellten der preußischen Verwaltung, Justiz, Kirche und Schulen mit 414 856 Talern. Und so könnte man bei all seinem Pioniergeist Friedrich mitsamt seinen Finanzberatern mit Fug und Recht auch als den Vater der kreativen Steuerpolitik bezeichnen: Kutschensteuer, Kaffeesteuer, Teesteuer, Schokoladensteuer, Perückensteuer, Stempelsteuer, es gab kaum etwas, was sie nicht zu Geld machten. Auch wenn man die „Jungfernsteuer“, die alle ledigen Frauen unter 40 Jahren zu entrichten hatten, als bevölkerungspolitische Maßnahme in dem menschenarmen jungen Königreich verkaufen konnte. Die Lage wurde unübersichtlich, die Finanzen wurden knapp, da schlug die Kreativität der königlichen Finanzjongleure in sichtliche Kriminalität um. Ein Untersuchungsausschuss, auch damals schon, schaffte Klärung, ins Leben gerufen ausgerechnet von Kronprinz Friedrich Wilhelm, der später als Soldatenkönig Saus und Braus radikal beendete (damit freilich viele Künstler und Wissenschaftler vergraulte) und in seiner Strenge seinen Sohn, den späteren Friedrich den Großen, ja fast einmal zum Tode verurteilen ließ. Kerkerhaft gab es für die einen, andere wurden zum Teufel gejagt.
Die Finanznot und die Schlossbauten erinnern aus heutiger Rückschau fast schon an den späteren unglücklichen bayerischen Schlossbaumeister-König Ludwig II. Doch anders als der, dem schließlich alles aus dem Ruder lief, hatte Friedrich I. eine realistische Vision: Preußen als bedeutende europäische Macht und Berlin als Metropole. Kaum hatte er seinen Erlass zur Einheit Berlins verkündet, da lud er schon im Juli 1709 zum Dreikönigstreffen mit dem sächsischen August dem Starken und Friedrich IV. von Dänemark. Gewaltige Pläne für den Großen Nordischen Krieg wurden beraten. Es kam nichts dabei heraus, aber schon Friedrich der Große spielte drei Jahrzehnte später eine lautstarke Geige im europäischen Konzert. Auch wenn er, der Enkel, mit dem einstigen König der Berliner Einheit von 1709 hart ins Gericht ging. „Ihm lag mehr am blendenden Glanz als am Nützlichen, das bloß gediegen ist“, schrieb der Alte Fritz seinem Großvater posthum ins Stammbuch. Trost für uns: Es geht um Glanz, den wir heute noch bestaunen können.
Die Welt, 17.01.2009
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