Berlins Angst vor der Moderne
Von Das Gespräch Führte Isabell Jürgens
Staatsoper, Stadtschloss, Museumsinsel. Woher kommt die Sehnsucht nach alter Baukultur? Ein Gespräch mit den Berliner Architekten Grüntuch und Ernst
Die Moderne hat es schwer in Berlin. Egal ob beim Humboldt-Forum in der historischen Gestalt des Stadtschlosses oder bei der Museumsinsel mit dem neuen Eingangsgebäude, dessen ursprünglich avantgardistische Form aufgrund von Bürgerprotesten mehrfach von Architekt David Chipperfield zugunsten einer traditionellen Gestalt umgearbeitet wurde. Die Traditionalisten beschwören den Zauber des Originals – und finden zunehmend Gehör in den Entscheidungsgremien. Die Staatsoper Unter den Linden soll mit ihren barocken Stilelementen sanft saniert und nicht nach den modernen Plänen des Architekten Klaus Roth umgebaut werden. Im Interview sprechen die Berliner Architekten Almut Ernst und Armand Grüntuch über die Sehnsucht nach der alten Baukultur und modernes Bauen in Zeiten der Rückbesinnung. Das Duo hat bereits mehrfach bewiesen, dass moderne Architektur trotz der rigiden Senatsvorgaben möglich ist.
Welt am Sonntag:
Was halten Sie von der Forderung, in der historischen Mitte Berlins nur noch historisierende Gebäude zu genehmigen?
Armand Grüntuch:
Ich halte es für grundfalsch zu sagen, lasst uns die historische Mitte und baut anderswo modern. Wir können doch nicht völlig abgetrennte Sektoren schaffen, die ohne Verbindung nebeneinander stehen, das wäre ja wirklich die Schaffung eines Disney-Parks.
Almut Ernst:
Eine qualitätvolle Diskussion über zeitgenössische Architektur kann nur da stattfinden, wo sie im Fokus der Öffentlichkeit steht, und das ist selbstverständlich die Mitte. Wenn man die Qualität der Städte sichern will, reicht es nicht, sie in ein Freilichtmuseum zu verwandeln. Das wäre ja ein Erstarren von städtischer Substanz und das Ende von gebauter Geschichte. Gerade für die denkmalgeschützte Originalsubstanz ist es eine Zumutung, wenn sie gerahmt wird von später erstellten Kulissengebäuden.
Das Volksbegehren für eine historische Mitte ist zwar gestoppt, aber immerhin unterschrieben es 10 000 Berliner. Sind das nur ein paar Bildungsbürger, oder gibt es ein allgemeines Unbehagen gegenüber der Moderne?
Ernst:
Alle Menschen haben die Sehnsucht nach einem gesicherten Wertesystem. Und dafür stehen alte Gebäude. Es gibt da einen breiten Konsens über die Schönheit von Altbauten. Da bewegt man sich auf sicherem geschmacklichen Terrain, muss keine Angst haben, dass andere hässlich finden, wie man wohnt.
Woher kommt das Misstrauen gegenüber der Moderne?
Grüntuch:
Das ist leider oft selbstverschuldet, schließlich stehen überall brutale Bausünden aus den vergangenen Jahrzehnten. Aber die Verantwortung dafür tragen nicht nur die Architekten, sondern genauso die Bauherren, überhaupt die gesamte Gesellschaft. Schließlich ist Architektur nur ein Spiegelbild der Gesellschaft. Und im Falle der Schulen und Oberstufenzentren aus den 1960er-Jahren wird uns da eben ein ziemlich grausames Spiegelbild entgegengehalten.
Warum setzt der aktuelle Zeitgeist „alt“ mit „gut“ gleich?
Ernst:
Eben weil es so viele Beispiele von toten, spiegelnden Glasfassaden gibt, die imstande sind, ganze Stadtquartiere zu zerstören. Leider gibt es keine einfachen Patentlösungen für gutes Bauen. Dabei ist es natürlich nicht zulässig, einen sozialen Wohnungsbau aus den 70er-Jahren mit einem Altbau aus der Gründerzeit zu vergleichen. Der erste ist unter enormem Kosten- und Termindruck entstanden, während der andere Ausdruck gebauten Bürgerstolzes ist, bei dem nicht gespart wurde.
Wie sieht eine gelungene Auseinandersetzung von moderner Architektur und Geschichte aus?
Grüntuch:
An erster Stelle ist in Berlin sicher Egon Eiermanns Umgang mit der Ruine der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche auf dem Breitscheidplatz zu nennen. Ebenso gelungen finde ich auch Norman Fosters Reichstagskuppel. Übrigens war die moderne Kuppel ja zur Bauzeit ebenfalls heiß umstritten. Heute rennen alle hin und finden sie toll.
Ernst:
Richtig verstandene Moderne ist nicht ignorant, sondern setzt sich behutsam und sensibel mit der vorgefundenen Umgebung auseinander. Dazu braucht es Spürsinn …
Grüntuch:
… und Wertschätzung der historischen Substanz.
Gefällt Ihnen Chipperfields neu überarbeiteter Entwurf für das Empfangsgebäude, das ja in der Formensprache viel mehr auf die vorhandenen Gebäude eingeht, besser als seine ursprünglichen Pläne?
Ernst:
Mir hat gefallen, was er zuerst geplant hat und ich habe eigentlich auch keine Motivation gesehen, daran was zu ändern. Der Neuentwurf ist aber ohne Zweifel eine geschickte Reaktion auf die geänderten Anforderungen. Chipperfield nutzt den verbliebenen gesellschaftlichen Spielraum wiederum virtuos.
Haben Sie Verständnis für die Forderung nach der Rekonstruktion alter Gebäude, insbesondere danach, dass das Humboldt-Forum auf dem Schloßplatz auf drei Seiten mit der historischen Fassade des Stadtschlosses gestaltet werden muss?
Ernst:
Selbstverständlich. Ich bin sogar Mitglied in der Schloss-Jury, die über den Wettbewerb zum Humboldt-Forum zu entscheiden hat. Ich würde dort nicht mitmachen, wenn ich die Aufgabe für unlösbar halten würde. Als Architekt arbeitet man doch nicht losgelöst im freien Raum, sondern muss den Strömungen in der Gesellschaft, die eine Rekonstruktion wünschen, Rechnung tragen. Ich bin überzeugt davon, dass es moderne, zeitgenössische Möglichkeiten gibt, mit dieser Forderung umzugehen. Und ich traue den Kollegen durchaus zu, diese Lösung auch zu finden.
Grüntuch:
Ich sehe das etwas anders. Wenn es keinen gesellschaftlichen Konsens gibt, wie auf dem Schloßplatz gebaut werden soll, kann man den Platz auch einfach mit einer temporären Nutzung versehen und die endgültige Gestaltung nachfolgenden Generationen überlassen. Richtig finde ich allerdings, sich über einen Wettbewerb mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Dann sind Sie also gegen eine Rekonstruktion der Schlossfassaden?
Grüntuch:
Nein, ich habe kein Problem damit, wenn die Fassaden historisch aufgebaut werden. Ich habe aber ein Problem damit, wenn’s nicht gut gemacht wird.
Wie beurteilen Sie die Diskussion um die Staatsoper Unter den Linden? Hat Ihnen der Entwurf Ihres Kollegen Roth gefallen?
Grüntuch:
Grundsätzlich finde ich es legitim, einen zeitgenössischen Zuschauerraum in das Gebäude zu integrieren. Ich finde es aber nicht schlimm, dass die Jury bei der Staatsoper nicht einer Meinung war und das auch nach außen getragen hat. Schließlich ist das ein demokratischer Prozess, der inzwischen allerdings kulturpolitisch reichlich hochgekocht wurde. Vielleicht war ja die richtige Arbeit bei diesem Wettbewerb wirklich nicht dabei.
Ernst:
Das Risiko für den Architekten ist sicher höher, wenn man ein Spannungsfeld zwischen Alt und Neu aufbaut, als wenn man sich lediglich auf Altes bezieht. Das darf aber nicht zur Resignation führen. Wenn wir nur noch am Althergebrachten festhalten, wäre unsere Baukultur wirklich in Gefahr.
Die Welt, Berliner Morgenpost, 10.08.2008
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