Berliner Schlossplatz Eine Chance wie sie jede Generation nur einmal hat. So wird das nichts Dem bevorstehenden ArchitektenWettbewerb fehlt es an Mut und Weltoffenheit

Berliner Schlossplatz: Eine Chance wie sie jede Generation nur einmal hat. So wird das nichts: Dem bevorstehenden Architekten-Wettbewerb fehlt es an Mut und Weltoffenheit

Von Heinrich Wefing

In ein paar Wochen soll der Architektenwettbewerb für das Berliner Schloss ausgelobt werden. Endlich tritt dann, was in den letzten Jahren nur ein Hin und Her von Bildern, Sehnsüchten und Kostenkalkulationen war, in die Phase der Konkretion.

Denn noch steht beileibe nicht fest, was wirklich aus dem Schlossplatz wird. Mit dem Beschluss des Bundestages, einen Neubau für das „Humboldt-Forum“ in der Kubatur des 1950 gesprengten Hohenzollernschlosses samt Barockfassaden auf drei Seiten zu errichten, sind lediglich eine geometrische Grundform definiert und deren äußere Hülle.

Bauherren wissen nicht, was sie wollen

Nachgerade alles hingegen, was ein Bauwerk ausmacht – Anordnung und Proportionen der Räume, ihre Anmutung, die Bewegung durch die Etagen, das Licht, Blickbeziehungen nach drinnen und draußen -, ist ungeklärt. Auch die heikle Frage, wie sich die historische Fassade zum Baukörper verhalten soll, ist völlig offen: Wird sie einer Hightech-Museumsmaschine aus Stahl und Glas umgehängt wie ein steinerner Vorhang? Oder entwickelt sich das Innere ganz traditionell aus den Vorgaben der schlüterschen Kolossalordnungen? Das sind beileibe keine Nebensächlichkeiten. Sie entscheiden über den Charakter des gesamten Projekts. Man sollte sie nicht den Architekten allein überlassen.

Von enormer Bedeutung ist daher, wie der Wettbewerb politisch programmiert wird. Durch gestalterische Vorgaben oder durch die Auswahl der Juroren können die Bauherren zwar nicht das Ergebnis vorwegnehmen; jede Auslobung ist ja gerade eine Spekulation auf den Einfallsreichtum der Entwerfer.

Aber es lässt sich schon eine Richtung bestimmen – vorausgesetzt, der Bauherr weiß, was er will. Davon jedoch ist die Berliner Republik offenbar weit entfernt: Der vom Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung konzipierte Entwurf für den Auslobungstext des Architektenwettbewerbs Schlossplatz jedenfalls, der dieser Zeitung vorliegt, liest sich wie ein Dokument der Mutlosigkeit.

Quadratmetergenaue Angaben

Auf knapp neunzig Seiten wird darin, wie bei Architekten-Wettbewerben üblich, mit akribischer Präzision vorgeschrieben, welche Farbtöne die Teilnehmer für ihre Funktionsschemata verwenden sollen, es gibt detaillierte technische, konservatorische und konstruktive Vorgaben.

Quadratmetergenau wird festgelegt, wie das Humboldt-Forum genutzt werden soll: Vierundzwanzigtausend Quadratmeter entfallen auf die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen Berlin, viertausend Quadratmeter sind für die Zentral- und Landesbibliothek vorgesehen, tausend für die wissenschaftshistorischen Sammlungen der Humboldt-Universität.

9500 Quadratmeter groß soll die gemeinsam genutzte „Agora“ werden, eine Mischung aus Foyer und Bühne, weitere 1500 Quadratmeter bleiben als „entwurfsabhängige Dispositionsfläche“. Auch die Terminplanung ist recht konkret: Am 7. Januar 2008 sollen die Auslobungsunterlagen versandt werden, Anfang Mai tagt die Jury ein erstes Mal und wählt vierzig Entwürfe zur weiteren Bearbeitung aus, wofür Zeit bis Ende August ist. Die Pressekonferenz, auf der die Ergebnisse der zweiten Wettbewerbsphase verkündet werden sollen, könnte am 24. Oktober stattfinden.

Denkmal für die große Koalition

In der Sache hingegen flüchtet der Text immer wieder ins Unbestimmte und Floskelhafte. Das Nutzungskonzept für das Humboldt-Forum, heißt es beispielsweise, müsse „gleichermaßen wissensbasiert und erlebnisfreudig sein, neue Horizonte öffnen, den Dialog praktizieren und transdisziplinäre Zugänge schaffen“.

Ähnlich wolkig wird verlangt, der Entwurf möge „auf die wechselvolle Geschichte und bauliche Transformation des Ortes – vom mittelalterlichen über das barocke und das wilhelminische Schloss bis zum sozialistischen Aufmarschplatz und zum Palast der Republik – eine architektonische Antwort geben“. Nur um zwei Sätze weiter zu fordern, „im Sinne der Nachhaltigkeit muss das Gebäude aber auch veränderten Nutzungsansprüchen und -konzepten gerecht werden können“. Der Text liest sich, als solle kein Schloss gebaut, sondern ein Sowohl-als-auch in Stein gehauen werden: ein Denkmal für die große Koalition.

Schlüter trifft Honecker

Jeder halbwegs begabte Architekt könnte sich vermutlich über derlei Konsens-Prosa hinwegsetzen, machte die mehrfach überarbeitete, immer noch nur vorläufige Wettbewerbsauslobung die Addition des Unvereinbaren nicht geradezu zum Gestaltungsprinzip: Da sollen an drei Seiten die barocken Fassaden sowie der historische Schlüterhof detailgetreu wiederaufgeführt werden, zugleich aber legt das Papier nahe, auch den einstigen Volkskammersaal des Palastes der Republik seiner „demokratiegeschichtlichen Bedeutung“ wegen zu rekonstruieren: Schlüter trifft Honecker.

Oder es wird einerseits „die Berücksichtigung einer Kuppel im Bereich des ehemaligen Hauptportals empfohlen“, andererseits der Einsatz von ökologisch korrekten Dachbegrünungen angeregt: Schlosskuppel an Farnbüscheln und Bambussprossen. Und die Museen wünschen sich eine „zitathafte“ oder auch vollständige Rekonstruktion der Königlichen Kunstkammern als Ursprungsort der Berliner Museen, sie wollen zugleich aber auch möglichst flexible, tageslichtdurchflutete, gleichermaßen für zeitgenössische Kunst wie für ethnologische Objekte nutzbare Ausstellungsflächen mit allerlei „Aktionsinseln“ für „Teezeremonien und Trommelkurse“. Kurzum, verlangt wird alles, und auch das Gegenteil.

Konservative Baumeister sind verstimmt

Kräftiges Wutschnauben hat das Konzept der Wettbewerbsauslobung auch unter den Historisten in Berlins Architektenschaft ausgelöst. Sie stören sich vor allem an der Formel, „die vollständige Rekonstruktion des historischen Schlosses im Äußeren wie im Innern entspricht nicht den Beschlüssen des Deutschen Bundestags und wäre innerhalb der vorgegebenen Kostenobergrenze auch nicht zu realisieren“.

Die konservativen Baumeister vermissen zudem Aussagen darüber, ob hinter den barocken Fassaden nicht wenigstens einige historische Raumensembles wiederhergestellt werden sollen, die Paradekammern etwa oder die schlüterschen Treppenhäuser. Ein Schweigen, das angesichts der nachdrücklichen Hinweise auf den DDR-Volkskammersaal (“Das Inventar des Saals und Musterstücke der Oberflächen wurden unter konservatorischen Anforderungen geborgen und eingelagert, so dass die authentische Wiederherstellung des historischen Innenraumes möglich ist“) tatsächlich absurd erscheint.

Mangel an Ehrgeiz bei Juroren

Unruhe haben auch die Spekulationen über die Zusammensetzung des Preisgerichts ausgelöst. Das Papier nennt neben anderen möglichen Juroren Peter Kulka, Volker Staab und David Chipperfield. Das sei eine einseitige Konzentration auf Vertreter einer minimalistischen Moderne, heißt es.

Nach den gegenwärtigen Überlegungen wäre Petra Kahlfeldt in der Tat die einzige (Fach-)Preisrichterin, die einer an klassischen Vorbildern orientierten, neohistoristischen Entwurfshaltung zuzuordnen wäre. Auffälliger noch als die ideologische Ausrichtung ist an dieser Zusammensetzung, die ergänzt würde durch Bundestagsabgeordnete, Beamte und Nutzervertreter, allerdings der Mangel an Ehrgeiz.

Kein Ort der „Weltneugierde“

Wiederholt ist in der Ausschreibung davon die Rede, das Humboldt-Forum solle ein Ort der „Weltneugierde“ werden. Eben davon jedoch ist nichts zu spüren. Man vermisst Historiker, Architekturtheoretiker, Ethnologen in der Jury, vor allem aber Weltläufigkeit: Sieht man von David Chipperfield ab, der in Berlin beinahe schon eingemeindet ist, fehlt dem Preisgericht, so wie es jetzt vorgesehen ist, jede Internationalität. Das ist für ein Projekt dieser Bedeutung ein Ärgernis.

Im historischen Zentrum der deutschen Hauptstadt ein Schauhaus der Weltkunst zu bauen: das ist eine Aufgabe, wie sie in jeder Generation nur einmal vorkommt. Was dabei entsteht, wird Berlin für Jahrzehnte prägen. Ein Fehlschlag wäre eine Katastrophe, jedes Mittelmaß ein Unglück.

FAZ, 05.10.2005