Berliner Schlossgeist aus Blankenese
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Der Beginn dieser „blödsinnigen Idee“: Ende der 50er fährt Wilhelm von Boddien als Schüler mit dem Moped in die geteilte, zerrissene Stadt. Steht auf dem großen leeren Platz. Dem Aufmarschplatz der DDR. Hört, dass da mal das Berliner Schloss stand. Und es ist um ihn geschehen. Er sammelt alles darüber. Stiche, Bilder, Zeichnungen, Grundrisse. Durchwandert im Geist Festsäle, die er nie betreten hat. Wird zum Architekten, ohne es je studiert zu haben. Ein Anwendungstechniker sei er, der schon reines Vokabelpauken in der Schule fad fand. Sie lieber in Sprache umsetzte. Und so wird er für Gleichgesinnte zum Schlossexperten. Für Gegner zum nervigen Schlossgespenst. Er rührt in allen Töpfen. Den großen selbstverständlich. Mit der Unschuld eines kleinen Treckerverkäufers aus Bargteheide, sagt er. Er habe sein Herz in die Hand genommen, es über den Zaun geworfen und sei hinterhergesprungen. Die drei Gs seines Großvaters im Ohr. Wenn du was machst, mach es gern, gleich und ganz.
480 Millionen soll das neu erbaute Humboldt-Forum kosten. Für die historischen Fassaden muss der Förderverein Berliner Schloss, dessen Geschäftsführer Wilhelm von Boddien ist, aufkommen. 60 Millionen fehlen noch. Ein Pappenstiel sei das. 400 Euro pro Jahr von 150 000 Bundesbürgern aufgebracht. Oder 40 Euro über zehn Jahre. Der Gegenwert von acht Schachteln Zigaretten pro Jahr. Tja, das hat doch was. Dieses Nullenjonglieren. Wilhelm von Boddien lacht. Voller Begeisterung. Auch über sich. Mit einem wegrutschenden Kicks in der Stimme. Erzählt von dem kleinen Stückchen Schloss, das man kaufen könne. „Spuren hinterlassen“. Ein seitlicher Tropfenstein schon für 300 Euro. Große Spuren gehen in die Hunderttausende. Er hat sein Hobby zum Beruf gemacht, nachdem die väterliche Landmaschinenfirma 2004 in die Insolvenz gegangen ist. Bekommt ein Gehalt vom Förderverein. Fährt einen Privatwagen („denken Sie an all das, was gerade so in Berlin passiert“) mit dem Kennzeichen BB für Boddien und Bär, seinen Spitznamen. „Nein, doch nicht von der in die Jahre gekommenen Brigitte Bardot!“ Seit 44 Jahren ist er verheiratet. Und ihr, seiner Ehefrau, verdanke er die Bodenhaftung, sagt er, die ihm manchmal abgehe. Wenn die Euphorie über ihn komme. Wie nach der entscheidenden Bundestagsdebatte 2002.
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Hamburger Abendblatt, 23.04.2010
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