Berliner Schloss: Verständlich aber verkehrt: Die Verschiebung des Wiederaufbaus.
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Nun gerät alles in Verzug: Im Rahmen ihres großen Sparpakets hat die Bundesregierung beschlossen, dass der Schlossbau aufgeschoben wird. Der jetzt vorgesehene Baubeginn liegt im Jahr 2014 und fällt damit in eine neue Bundestagsperiode, in der womöglich von der Politik ganz andere Prioritäten gesetzt werden.
Die Argumentation von Kanzlerin und Koalition ist verständlich. Hartz-IV-Empfängern das Elterngeld zu streichen und gleichzeitig ein Schloss zu bauen – das passt nicht zusammen. Doch die Frage ist, ob hier nicht zu kurz gedacht wird? Das Budget für das Berliner Stadtschloss liegt bei 552 Millionen Euro, ein solcher Betrag wird hierzulande in wenigen Tagen für Hartz-IV-Empfänger ausgegeben. Gewiss, Sozialtransfers kann man nicht mit der Notwendigkeit einer architektonischen Metropolengestaltung aufrechnen. Dennoch hätte die Regierung anders entscheiden können, schließlich geht es um ein Prestigeprojekt von höchstem Symbolwert. Warum wird nicht auf Dresden geschaut, dessen Wiederaufbau des Wettiner Schlosses unter Leitung von Peter Kulka systematisch fortgesetzt wird und auf allgemeine Zustimmung stößt?
Warum denkt niemand an die Spender, die nun überall im Land enttäuscht sind und die, sitzen sie in New York oder Rio de Janeiro, gar nicht verstehen, warum das Berliner Stadtschloss nun doch erst mal nicht kommt? Es ist seit dem Architekturwettbewerb 2008 keine Vision mehr, sondern ein fertiger Entwurf, der auf seine reale Umsetzung wartet.
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Der Bau des Schlosses war eine politische Entscheidung, die Bevölkerung wurde nicht gefragt. Die Bauverschiebung ist abermals eine Volksvertreterentscheidung, nicht die der Menschen zwischen Ostsee und Voralpenland. Touristische, mithin wirtschaftliche Gesichtspunkte werden einfach negiert. In Hochrechnungen war ermittelt worden, dass das Berliner Schloss einer der Magneten der deutschen Hauptstadt, das Humboldt-Forum pro Tag von etwa 10 000 Besuchern angesteuert werden würde. Die Parteipolitik treibt ihre allseits beliebten Spielchen und gaukelt dem Bürger Sparen vor.
Der Widersinn: Nun wird das Projekt noch teurer. Die erwartete Einsparung ist jetzt schon eine Farce. Die Verträge mit dem Architekten Franco Stella müssen bezahlt werden, die Stiftung Humboldt-Forum, die einst im Schlossinnern residieren will, setzt ihre Arbeit unverdrossen fort. Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der zukünftige Hausherr des Schlosses, muss seine maroden Museumsgebäude sanieren anstatt sie zu verkaufen – das Geld holt er sich vom Bund. Am Ende wird das Projekt womöglich ganz fallengelassen und ein „moderner“ Architekt erhält die Chance, noch einen der charakterlosen Bauten auf den historisch aufgeladenen Ort zu pflanzen.
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Mit der Verschiebung des Baubeginns und damit seiner Infragestellung ist niemand geholfen. Das Schlimmste ist, dass die Politiker mit ihrer Entscheidung auch noch den Stellenwert bundespolitischer Kulturprojekte für die Zukunft in Frage gestellt haben. Sie reden jahrelang und stimmen endlich ab – und dann wird doch wieder alles anders gemacht. Wer zahlt, ist immerhin klar, egal wie es am Ende ausgeht: der Steuerbürger kommt dafür auf. Zum Glück kann er sich derzeit auf der grünen Brache ausruhen.
Südkurier, 15.06.2010
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