Berlin wird Schloss
In der bald 18 Jahre andauernden Debatte um den Wiederaufbau des Berliner Schlosses gibt es ein neues historisches Datum: Mit dem gestrigen Montag ist endgültig der Weg frei für den Bau des Humboldt-Forums hinter der rekonstruierten Barockfassade des 1950 gesprengten Stadtschlosses. Wie vom Bund immer wieder gefordert, wird sich nun auch das Land Berlin an den Gesamtkosten von 480 Mio. Euro beteiligen. Die 32 Mio. Euro aus der Senatskasse machen zwar weniger als zehn Prozent des Projektes aus, aber für das arme Land bleibt es eine Kraftanstrengung. Sie wird sich für die Hauptstadt auszahlen. Denn sie erhält einen Kulturpalast, der zugleich die schmerzlichste städtebauliche Wunde im historischen Zentrum heilen wird.
Was nach so vielen Diskussionen, Anhörungen und Entwürfen von 2010 an am einstigen Schlossplatz gebaut werden soll, ist zum Glück einmal kein Kompromissprodukt entscheidungsschwacher Gremien: Es ist der richtige Inhalt in der richtigen Form. Die außereuropäischen Sammlungen der Staatlichen Museen werden hier zusammen mit der Museumsinsel ein weltweit einzigartiges Ensemble der Weltkünste bilden – ohne kommerzielle Nutzungen wie Hotel oder Shopping-Mall. Und mit dem barocken Erscheinungsbild des Schlosses kehrtz ein Baukörper ins Stadtbild zurück, der die umliegenden historischen Bauten wieder zusammen halten wird. So weist der Neubau zurück in die Geschichte und zugleich weit voraus in eine Zeit des globalen Kulturaustausches.
Für die zeitgenössischen Architekten und ihre Anhänger besteht kein Grund, einer verpassten Chance hinterherzutrauern. Zum einen, weil es auch den besten unter ihnen in den letzten Jahren nicht gelungen ist, das Publikum mit einem modernen Gegenentwurf zu begeistern. Zum anderen, weil beim Wiederaufbau Berlins nach dem Fall der Mauer an so vielen Stellen ein modernes, zeitgenössisches Stadtbild entstanden ist – das von den Menschen ebenfalls angenommen wurde, zuletzt beim neuen Hauptbahnhof am Spreebogen.
Das Humboldt-Forum ist der Schlussstein dieser Aufbauleistungen. Und es wird ein Erlebnis sein, das Wachsen und Werden dieses Bauwerks mitzuverfolgen.
Rainer Haubrich
Die Welt, 24.04.2007
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