Berlin sucht einen Ort für die Gegenwartskunst
Von Dirk Westphal und Julia Siepmann
An der Schlossfreiheit hat der Bau der Temporären Kunsthalle Berlin begonnen. Ab Mitte Oktober bis zum Jahr 2010 sollen dort Werke zeitgenössischer Künstler gezeigt werden. Doch was kommt danach? Einige fordern eine ständige Halle für sie, andere wollen dagegen bestehende Ausstellungsorte stärken.
Bauarbeiter bereiten an der Schlossfreiheit das Fundament für die Temporäre Kunsthalle Berlin vor, die ab Oktober zwei Jahre lang zeitgenössische Kunst zeigen soll. Erdhügel säumen das Areal, über das bisweilen das Getöse vom Zerlegen des Palastes der Republik hallt. Es ist ein überdimensionaler Werkstattraum. Eine Bühne, die „danach verlangt, bespielt zu werden“, sagt Dieter Rosenkranz, und genau dies will er.
Rosenkranz ist Unternehmer und Hauptförderer der Stiftung Zukunft Berlin, die den Bau der Temporären Kunsthalle mit 950.000 Euro unterstützt. Die Halle soll ein Showroom auch für Künstler sein, deren Werke noch nicht in Museen hängen, aber es schon bald könnten. Anders als etwa Hamburg, Wien oder London hat Berlin nämlich bisher keine derartige Schauhalle. Dass Gegenwartskünstler in Berlin bislang kein offizielles Forum haben, ist für Rosenkranz „ein Unzustand“. Der 83-Jährige ist selbst Sammler und kennt viele Künstler. Längst sei „die kritische Masse“ erreicht, die eine solche Halle rechtfertigte. „Wir haben hier Hunderte Galerien, die interessantesten Gegenwartskünstler, da ist es selbstverständlich, dass Berlin eine solche Halle braucht.“ Sie solle ein „Brückenkopf zu den Menschen, Museen und Galerien in der Stadt und der Welt werden“. Dass Rosenkranz dazu auch einige Hunderttausend Euro selbst durch die Stiftung beisteuerte, ist in seiner Biografie begründet.
1924 in Berlin geboren, verließ er mit seinen Eltern die Hauptstadt während der Weltwirtschaftskrise 1929 Richtung Wuppertal. Dort brachte es der Berliner nach dem Krieg bis zum Vorstandschef des Maschinenbaukonzerns Moenus AG. Heute will er einiges an seine Heimatstadt „zurückgeben“. Immer noch führt er eine Firma, nur dass diese nun Kunststoffteile für die pharmazeutische und chemische Industrie herstellt. „Irgendwo muss das Geld ja herkommen“, sagt Rosenkranz und lächelt, so als fände er Gefallen an dem Gedanken, dass weltweit verkaufte Plastikteile Kunst fördern könnten.
Schlossfreiheit Nummer 1 lautet die Adresse der „White Cube“ genannten Temporären Kunsthalle. Architekt Adolf Krischanitz entwarf für sie eine aus Holz und Zement bestehende, 30 Meter lange, 20 Meter breite und 10,50 Meter hohe Halle, einen Pavillon mit „nachhaltiger Wirkungspräsenz“ für die Kunst. So nachhaltig, dass für Kulturstaatssekretär André Schmitz die Errichtung eines stationären Ausstellungsortes bereits als logische Konsequenz gilt. Schließlich gebe es bereits die erklärte Absicht des Senats, das Projekt einer „ständigen, auch mit öffentlichen Mitteln errichteten und betriebenen Kunsthalle bis zum Ende dieser Legislatur (also 2011, d. Red.) in Angriff zu nehmen“. Aber wohin danach mit der Gegenwartskunst?
Grüne wollen Kunst im Blumengroßmarkt
Die Grünen würden gern den Blumengroßmarkt in Kreuzberg mit Kunst bespielen. Kürzlich erst wurde dort Kunst präsentiert, aber einige Galeristen waren wenig begeistert. „Die Idee mit der Blumengroßhalle zeigt wieder das blöde Berlin, das erneut Anlauf nimmt und zu kurz springt“, sagt der Galerist Kristian Jarmuschek. Das Gebäude sei einfach zu abgelegen. Dies zeige auch das Beispiel der in der Nähe gelegenen Berlinischen Galerie. Sie biete zwar eine „tolle Sammlung“, aber auf dem Weg dorthin verliefen sich die Leute. Jarmuschek plädiert für das Gelände nördlich des Hamburger Bahnhofs. Dies sei „ein unverbrauchter Ort“.
Gäbe es noch das ehemalige Kabelwerk in Oberschöneweide, wo sich ebenfalls Galerien angesiedelt haben, ein Quartier, das der Senat gern weiter mit Kunst aufwerten möchte. Alexander Schröder von der Galerie Neu hat dagegen am Ex-Postbahnhof am Gleisdreieck Gefallen gefunden. Vom 4. bis 7. September zeigt er dort mit dem Galeristen Martin Klosterfelde die Art Berlin Contemporary, eine kleine, feine Schau von Gegenwartskunst, zusammen mit den besten Berliner Galerien.
Der Senat will sich noch auf keinen Standort für eine ständige Halle der Gegenwartskunst festlegen, dafür sei es „noch zu früh“. Die Galeristin Esther Schipper plädiert dafür, dass man sich in Ruhe berät. Wichtig sei, dass etwas entstehe, das „die junge Szene abbildet“. Es gibt aber auch Stimmen, die sagen, Berlin brauche nicht zwingend eine neue Kunsthalle. „Wir haben wunderbare Orte der zeitgenössischen Kunst: neben dem Hamburger Bahnhof und der Berlinischen Galerie die Kunst-Werke, die Kunstvereine, aber auch den Martin-Gropius-Bau als Austragungsort für Großausstellungen“, sagt die künstlerische Leiterin des Hauses am Waldsee, Katja Blomberg. Die bestehenden Institutionen müssten nur so gestärkt werden, dass sie noch besser auf internationalem Niveau agieren können. Berlin müsse „nicht weiter in die Breite wachsen, sondern in die Höhe“. Das Niveau müsse steigen, bevor sich die Hauptstadt mit den großen Metropolen messen könne.
Dieter Rosenkranz wird nicht aufgeben. Er hat Geld, Geduld und sagt: „Gegenwartskunst verführt zu neuem Denken und führt uns an die Grenzen unserer Welt.“ Am Schloßplatz will er zeigen, was er damit meint.
Berliner Morgenpost, 16.06.2008
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