Berlin reißt ab Berlin baut auf

Berlin reißt ab, Berlin baut auf

Von Christoph Stölzl

Heute im kalten Wind am Zaun der Rückbaustelle gestanden und den Baggern bei Umgraben der Reste des Palastes der Republik zugeschaut. Berlin reißt ab, das ist nicht das erste Mal gerade an dieser Stelle.
Was wir für normal halten, die majestätische Prachtstrasse vom Brandenburger Tor bis zum Alexanderplatz, die in alter Zeit am Schloss, in neuerer – nun endgültig vergangener – Zeit am Palast der Republik vorbeiführt, ist in ihrem am Schlossplatz beginnenden Verlauf keine historische Achse, hervorgegangen aus einem Grand Design für die Innenstadt der Residenz. Kein Schlüter, kein Schinkel hat sie ersonnen, und wenn man recht hinschaut, sieht man es ihr heute auch an. Sie war zur Zeit ihrer Entstehung dem Zwang des Großstadtverkehrs geschuldet, Ergebnis einer gewaltigen Abrissaktion am Ende des 19. Jahrhunderts.

Darauf gestoßen bin ich heute bei der Suche nach Texten über das Stadtschloss in alten Berliner Feuilletons. Der Flaneur Julius Rodenberg erzählt in seinen „Bildern aus dem Berliner Leben“ von dieser sein Gemüt strapazierenden Kahlschlagaktion. Bis dahin endete der Prachtkorso „Unter den Linden“ am Schloss. Dort wurde es still. Man muss es sich wohl so ähnlich vorstellen wie den beruhigten Pariser Platz, der durch die Sperrung des Brandenburger Tors entstanden ist. Der Lustgarten reichte bis vors Schloss. Wer auf dem Weg von Charlottenburg nach Osten, zum Alexanderplatz wollte, der musste vor dem Schloss rechts abbiegen und den Weg über die Königstrasse – die heute Rathausstrasse heißt – nehmen oder aber den Mühlendamm. Da wurde es eng, oft genug kam der Lastverkehr zum Stillstand.

Doch die neue Zeit, das aus den Nähten platzende Berlin, wollte in seiner Mitte nicht mehr das Gewirr der mittelalterlichen Straßen und Gässchen. „Kaiser-Wilhelm-Straße“ – wie denn anders – hieß die neue Schneise, und es beruhigte die Zeitgenossen, dass ihr die „schmutzigsten und verrufensten Quartiere von Alt-Berlin“ weichen mussten. Das Berlin der Gründerzeit war nicht sentimental. Ein Denkmalschutz, der sich um „Strukturen“ gekümmert hätte, war damals offenbar kein Thema. So kamen also die Demolierer.

Der Stadtflaneur Julius Rodenberg sah zu. Und inmitten der Melancholie, die ihn beim Untergang jener Häuser, in denen Moses Mendelssohn und Lessing gewohnt hatten, überkommt, sagte er doch: „Bürger des zwanzigsten Jahrhunderts, die Ihr jetzt noch mit den Schulmappen um uns herumlauft. Für Euch haben wir sie gebaut. Euch überlassen wir sie, zufrieden damit, das Andenken des Alten bewahrt zu haben, das wir eines nach dem andern stürzen und hingehen sahen.“
Berlin reißt ab, Berlin baut auf. Alte Geschichte, ewig neu.

Bis morgen, Ihr
Christoph Stölzl

Berliner Morgenpost, 27.11.2008