Berlin bekommt sein Schloss zurück
Entscheidung: Noch im Dezember beginnt die Ausschreibung für den internationalen Architektenwettbewerb
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat den Startschuss für den teilweisen Wiederaufbau der Residenz gegeben. Dafür gekämpft hatte an vorderster Front auch ein Hamburger Kaufmann.
Von Barbara Möller
Berlin –
Der Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses ist durch das Säurebad öffentlicher Debatten gegangen. Zuletzt war es Daniel Libeskind, der gegen das vermeintliche „Postkarten-Schloss“ polemisierte. Er glaube nicht, meinte der international renommierte Architekt noch in diesem Oktober, dass man Geschichte „einfach zurückspulen“ könne.
Doch nun ist der Startschuss gefallen. Gestern hat Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee bekannt gegeben, dass die Ausschreibung für den internationalen Architekturwettbewerb am 14. Dezember beginnen und im November nächsten Jahres enden wird. Die Unterlagen lägen bereit, in die Jury würden unter anderem David Chipperfield, Giorgio Grassi und Peter Kulka berufen.
Das Für und Wider um das Projekt war ohnehin längst entschieden – spätestens seit dem historischen Bundestagsbeschluss vom 4. Juli 2002. Angesichts der angespannten Finanzlage schien der damals beschlossene Wiederaufbau allerdings in weite Ferne gerückt. Erst in diesem Sommer wurde der gordische Knoten mit der von der Bundesregierung überraschend getroffenen Entscheidung durchschlagen, das Projekt abzuspecken und sich beim Bau auf das Wesentliche zu beschränken, zu dem die einst geplante Tiefgarage gewiss nicht gehörte.
Nach Angaben von Tiefensee setzt der sogenannte Auslobungstext den Bundestagsbeschluss nun „eins zu eins“ um. Als Vorgabe für die Architekten bedeutet das, dass drei barocke Fassaden des 1950 gesprengten Stadtschlosses rekonstruiert werden müssen und dass die vierte, nach Osten zum ehemaligen Staatsratsgebäude ausgerichtete, „modern“ ausfallen darf. Außerdem sollen die markante Kuppel und der sogenannte Schlüterhof wiederaufgebaut werden.
2010 soll mit dem Bau begonnen werden, 2013 soll er bereits fertig sein. Der Minister erklärte, man sei „absolut im Zeitplan“, und das mache ihn sehr „stolz“. Klaus Dieter Lehmann, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, meinte mit einem breiten Lächeln: „Wir arbeiten jetzt nicht mehr für die Schublade, und das ist ein ganz wunderbares Gefühl.“
„Das Schloss lag nicht in Berlin – Berlin war das Schloss!“, hat der Publizist und Verleger Wolf Jobst Siedler vor ein paar Jahren gesagt, als sich Gegner und Befürworter des Wiederaufbaus in den Haaren lagen. Siedler hat zu den Ersten gehört, die sich nach der Wiedervereinigung für eine Rekonstruktion aussprachen. Neben Joachim Fest und neben Wilhelm von Boddien, der mehr zur Verwirklichung des Projektes beigetragen hat als alle anderen.
Der Hamburger Kaufmann von Boddien war es, der den Palast der Republik 1993/1994 mit einer leuchtend gelben Trompe-l’oeil-Malerei ummantelte und damit selbst entschiedenste Kritiker schachmatt setzte: Kaum einer von denen, die Boddiens Fassadeninstallation damals mit eigenen Augen sahen, mochte anschließend bestreiten, dass das Schloss in die Berliner Mitte gehört. Dass es die Berliner Mitte war. Die Anschauung war der Beweis.
Trotzdem wurde zunächst einmal eine Kommission eingesetzt. Die empfahl im April 2002 unter Vorsitz des Österreichers Hannes Swoboda einen Neubau in der Kubatur des Schlosses mit wenigstens drei barocken Fassaden. Diese Empfehlung setzte den Abriss des Palasts der Republik voraus. Die Kommission traf ihre mit großer Spannung erwartete Entscheidung mit acht zu sieben Stimmen. Der Rest ist Geschichte. Im Bundestag votierten drei Monate später 383 von 589 Abgeordneten für die Empfehlung der Swoboda-Kommission. Nur die Linkspartei kann und will sich mit dieser Entscheidung bis heute nicht abfinden. Erst versuchte sie, den Abriss von „Erichs Lampenladen“ zu stoppen, wie der Palast der Republik im Volksmund flapsig genannt wurde, dann bekämpfte sie die Barockfassaden. Solange die nicht errichtet seien, so die Bundestagsabgeordnete Heidrun Bluhm noch in diesem Juni, könnten sie verhindert werden.
Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee hat den Startschuss für den teilweisen Wiederaufbau der Residenz gegeben. Dafür gekämpft hatte an vorderster Front auch ein Hamburger Kaufmann.
Mit dieser Strategie steht Die Linke in der Tradition der SED, der das preußische Erbe verhasst war. In der Nachfolge Walter Ulbrichts, der den im Zweiten Weltkrieg schwer beschädigten Barockbau kurzerhand beseitigen ließ, obwohl man ihn hätte erhalten können.
„Das Schloss lag nicht in Berlin – Berlin war das Schloss!“ Entworfen hat das Schloss Andreas Schlüter, eins der großen Genies des Barock. 250 Jahre lang schlug hier das Herz der Stadt. Von ihm ging alles aus, was die Knobelsdorff und Langhans, die Stüler und Schinkel später bauten.
Der Wiederaufbau darf nicht mehr als 552 Millionen kosten, das ist festgeschrieben. 440 Millionen Euro wird der Bund geben, 32 Millionen das Land Berlin. Der Förderverein, den Wilhelm von Boddien 1992 gegründet hatte, hat sich verpflichtet, die erforderlichen 80 Millionen für die historischen Fassaden aufzubringen.
„Wir schaffen das“, hatte der Hamburger immer wieder beteuert, „schauen Sie nach Dresden!“ Soll heißen: Auch das Berliner Schloss ist ein Projekt der deutschen Einheit. Genauso wie die Dresdner Frauenkirche.
Viele haben Boddien lange für einen Traumtänzer gehalten. Aber nicht alle. Der einstige US-Außenminister Henry Kissinger etwa hat sich früh in die Spenderlisten eingeschrieben, ebenso wie Altbundespräsident Richard von Weizsäcker. Menschen aus Essen und Eisenhüttenstadt haben symbolisch Steine gekauft und unermüdlich die Trommel gerührt. Auf den gestrigen Tag haben sie alle lange gewartet. Jetzt ist das Schloss kein Luftschloss mehr.
Und Berlin erhält seine historische Mitte zurück.
Hamburger Abendblatt, 27.11.2007
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