„Beim Schloss spart man kein Geld“
Der Wiederaufbau des Stadtschlosses steht auf der Kippe. Die schwarz-gelbe Koalition auf Bundesebene erwägt, das Projekt auf Eis zu legen. Als ein Grund wird die geringe Akzeptanz in der Bevölkerung genannt. Der Bundestag hatte sich 2002 mit deutlicher Mehrheit für den Neubau des Gebäudes als Humboldt-Forum ausgesprochen.
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Berliner Morgenpost: Beim Humboldt-Forum geht es um 440 Millionen Euro Bundes- und 32 Millionen Euro Landesmittel.
André Schmitz: Das Land steht Berlin zu seiner Zusage, die größte Baulücke im Herzen unserer Stadt zu schließen. Nach jahrzehntelanger Diskussion haben wir eine erstklassige Nutzungs-Idee für die Mitte Berlins, gewissermaßen das Schaufenster Deutschlands. Ich bin ein glühender Fan der Idee, die außereuropäischen Sammlungen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz hier zu präsentieren. Die gehören zu den drei bedeutendsten Sammlungen der Welt. Ich kann nur an den Bund appellieren, hier seiner gesamtstaatlichen kulturellen Verpflichtung nachzukommen. Es wäre eine Katastrophe, wenn das Humboldt-Forum nicht realisiert würde. Ein Armutszeugnis für ganz Deutschland.
Berliner Morgenpost: Die Bundestagsfraktionen von CDU/CSU und FDP haben signalisiert, dass sie den entsprechenden Beschluss zurücknehmen würden, bereiten sich also schon auf eine Verschiebung des Projekts vor?
André Schmitz: Der Deutsche Bundestag muss sich auch selbst ernst nehmen. Wenn ich als Souverän zweimal den Beschluss zum Wiederaufbau fasse, dann muss ich auch dazu stehen. Ich warne vor jeder Verzögerung. Ich halte das für ein vorgeschobenes Argument derer, die den Wiederaufbau des Stadtschlosses ohnehin nie wollten. Denn eine Verzögerung führt letztlich dazu, dass das Humboldt-Forum nicht realisiert wird. Allerdings würde es mich schon sehr wundern, dass so ein tolles Projekt ausgerechnet an einer bürgerlich-konservativen Regierung scheitert.
Berliner Morgenpost: Angenommen, dass Humboldt-Forum wird zu den Akten gelegt, weil gespart werden soll. Was heißt das für den maroden Museumsstandort Dahlem, wo die außereuropäischen Sammlungen nach dem Krieg untergebracht wurden?
André Schmitz: Wenn das Humboldt-Forum nicht gebaut würde, dann kommt es für den Steuerzahler nicht billiger. Die Bauten in Dahlem sind aus den 20er und 60er Jahren und sind völlig marode. Die Depots können die Mitarbeiter der Stiftung wegen der DDT-Verseuchung nur noch mit Schutzanzügen betreten. In den Ausstellungsräumen läuft das Wasser an den Innenwänden runter. Wir geben in diesem Jahr allein 12 Millionen Euro nur für die aktuelle Gefahrenabwehr aus, weil die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht mehr viel investiert hat, seit der Umzug der Sammlung in die Mitte Berlins fest steht. 1995 wurden die Sanierungskosten für den Dahlemer Museumskomplex auf 300 Millionen DM geschätzt. Das kann man heute eins zu eins in Euro übersetzen. Rechnet man noch einen Inflationsausgleich dazu, dann sind wir fast bei der Summe, die wir für das Humboldt-Forum ausgeben müssen. Es wäre also auch wirtschaftlich ein völliger Unsinn, dass Humboldt-Forum nicht zu bauen.
Berliner Morgenpost: Muss denn der Bund für die Kosten in Dahlem aufkommen?
André Schmitz: Ja, denn die Baukosten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz trägt zu 100 Prozent der Bund.
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Berliner Morgenpost: Als weitere Sparvariante ist gewissermaßen der verschlankte Wiederaufbau des Stadtschlosses, also der vorläufige Verzicht auf Barockfassade und Kuppel im Gespräch. Die Barockfassade sollte durch Bürgerspenden in Höhe von 80 Millionen Euro finanziert werden, das Spendenaufkommen ist noch recht gering.
André Schmitz: Wen wundert es, wenn der Bauherr so unklare Signale aussendet! Im Berliner Anteil von 32 Millionen Euro haben wir jedenfalls vorsorglich schon einen Teil für die historische Fassade vorgesehen. Der Regierende Bürgermeister als kluger Haushälter hat damals gesagt, wir sollten vorsichtshalber lieber nicht damit kalkulieren, dass der Verein die 80 Millionen Euro Spenden in Gänze zusammenbekommt. Denn wir wollen keine Bauruine, sondern den Wiederaufbau des Stadtschlosses mit Barockfassade und Kuppel. Es geht hier um die größte kulturpolitische Herausforderung mindestens seit der Wiedervereinigung in Deutschland, immer noch einem der reichsten Länder der Erde. Der zuständige Bundesverkehrs- und Bauminister Peter Ramsauer hat selbst gesagt, das Humboldt-Forum sei so teuer wie zwölf Kilometer neue Autobahn – da relativiert sich doch die Bausumme. Wenn ich die Wahl hätte, würde ich für das Stadtschloss sofort auf zwölf Kilometer Autobahn verzichten.
Berliner Morgenpost, 05.06.2010
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