Bayern spenden für das Stadtschloss
In München hat ein Freundeskreis schon 300 000 Euro für den Wiederaufbau gesammelt.
Renate Knall wendet sich entschlossen an eine mit Einkaufstüten bepackte Dame, die durch die Münchner Theatinerstraße zum Odeonsplatz schlendert. „Darf ich Ihnen diese Zeitung über das Berliner Schloss mitgeben?“, fragt sie die verdutzte Passantin und drückt ihr ein „Berliner Extrablatt“ in die Hand. Mitten in der Münchner Innenstadt, dem Herzen Bayerns, werben eine Handvoll älterer Herrschaften, die „Freunde des Berliner Schlosses in München“, für den Wiederaufbau des 1950 auf Befehl Walter Ulbrichts gesprengten Baus in Berlins historischer Mitte. Renate Knall hat in den ersten zwei Stunden schon über 30 Zeitungen verteilt – an verwunderte Münchner und Touristen.
„Wir wollen kein Wiederaufleben Preußens“, sagt Renate Knalls Mitstreiterin Hildegard Obermeier. Sie und ihre 30 Gesinnungsgenossen – zumeist gebürtige Berliner, aber auch vereinzelte Bayern – sind vielmehr überzeugt, dass ein Neubau des Schlosses nötig sei, um den städtebaulichen Abschluss der Berliner Traditionsmeile Unter den Linden an die Museumsinsel zu verwirklichen. Dort, wo einst die Hauptresidenz der preußischen Könige und Kaiser und später, während der DDR-Zeit, der Palast der Republik stand, soll nach Willen des Deutschen Bundestags das Humboldt-Forum entstehen. Dabei handelt es sich um eine Kombination von Museen, Bibliotheken und Theater- und Musikbühnen. Die Fassade soll eine Nachbildung des historischen Schlosses werden.
Dass solch ein Anliegen ausgerechnet in der Hauptstadt Bayerns nicht nur auf Verwunderung, sondern vor allem auch auf Interesse und Spendenbereitschaft trifft, ist für die gebürtige Berlinerin Obermeier dabei ganz einleuchtend. „Man muss nicht gebürtiger Berliner sein, um Sympathien für die Stadt und das Schloss zu entwickeln“, sagt die 69-Jährige und fügt hinzu: „Die Bayern sind sehr traditionsbewusst. Das gefällt denen einfach, dass Leute darauf aufmerksam machen.“ Dies versucht der bislang einzige Schloss-Freundeskreis in ganz Bayern nicht nur mit Zeitungen, Broschüren, Tassen und Stoffbeuteln an seinem Infostand im Spätsommer und Herbst, sondern auch mit seinem Glühweinstand im Advent. Preußisch-bayerische Annäherung über den Städtebau, gewissermaßen.
Und das besonders erfolgreich: „München ist beim Spendenaufkommen ganz vorne mit dabei“, sagt Carolin Herms vom Förderverein Berliner Schloss, der Dachorganisation der Freundeskreise. Bislang kamen allein aus dem Postleitzahlenbereich 8 rund 300 000 Euro zusammen, weitere 400 000 Euro sind verbindlich angekündigt. Zudem verhandle die Initiative mit bayerischen Unternehmen als mögliche Sponsoren. Insgesamt will der Verein zusammen mit sechs regionalen Förderkreisen wie in München 80 Millionen Euro sammeln. Dabei ist der Druck auf die Schloss-Freunde in der vergangenen Woche noch zusätzlich gewachsen: Der Haushaltsausschuss des Bundestags genehmigte den für diesen November angesetzten Architektenwettbewerb als Startschuss für den Bau des Humboldt-Forums im Schlossgewand nicht. Grund sind die Baukosten, die zunächst auf rund 480 Millionen Euro geschätzt wurden, nun aber mit mindestens 670 Millionen beziffert werden. Der Ausschuss fordert deshalb umso mehr eine belastbare Zusage über die angepeilten 80 Millionen Euro Spenden für die Fassade, bevor das Projekt weitergehen kann. Der Neubau sollte spätestens 2015 fertig sein.
Für den Münchner Freundeskreis nur ein Grund mehr, in der bayerischen Hauptstadt für das Schloss in der Bundeshauptstadt zu werben. Schließlich „ist München ein bisschen Berlin. Nur in Klein“, sagt Hildegard Obermeier und lacht.
Berliner Morgenpost, 30.09.2007
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