Bau billig
Der Tag des Triumphes rückt näher. Für die Schlossfreunde – und für die Schlossfeinde auch. Nach anderthalb Jahrzenten zum Teil erbitterter Debatte um einen Wiederaufbau glaubt man im Bundesbauministerium, den gordischen Knoten durchschlagen zu haben. Die neuen Planungen sollen das Projekt, das allmählich der öffentlichen Wahrnehmung zu entgleiten droht, verbilligen und damit auch beschleunigen. So weit man das bei Bauten dieser Größenordnung einigermaßen verlässlich prognostizieren kann.
200 Millionen Euro Ersparnis, das klingt sexy, zumal in Berlin. Man will auf Hotel und Tiefgarage und die Überdachung des so genannten Schlüterhofes verzichten. Nun gut. Betten und Parkplätze begründen noch keine herausragende Architektur. Was aber den jüngsten Entwürfen die Krone auf- oder besser absetzt, ist die Idee, das BStadtschloss ohne Kuppel aufzuführen. Als Flachbau gleichsam. Auf den historischen Fotografien und den Computersimulationen, mit denen für die Wiederherstellung der hauptstädtiscehn Mitte geworben wurde, war die Kuppel der Blickfang, die städtebauliche Emphase – und nicht bloß ein Sahnehäubchen. Könnte man sich die Dresdner Frauenkirche vorstellen ohne ihr erhabenes, luftiges, weithin ausstrahlendes Haupt? Wie eindrucksvoll wäre ein kopfloses Reichstagsgebäude?
Kein Problem, sagt die Schlosslobby um Wilhelm von Boddien. Eine Kuppel könne nachträglich aufgepflanzt werden. Als käme es nur darauf an, ein paar historische Fassaden in die Landschaft zu stellen: reine Kulissenschieberei. Auch Klaus-Dieter Lehmann, Präsident Preussischer Kulturbesitz, begrüßt einen unverkuppelten Schlossneubau. Die Stiftung will dort ihre außereuropäischen Sammlungen präsentieren, als Gegenstück zur Museumsinsel. Hauptsache das Humboldt-Forum wird überhaupt in Angriff genommen, irgendwie. Das scheint die Devise zu sein. Nackter Pragmatismus macht sich breit. Von einem architektonischen Durchbruch auf dem Schlossplatz, von einer begeisternden Idee für diesen Ort, den man einst als Mitte der Mitte beschworen hat, ist Berlin weiter entfernt denn je.
Weder die Bundeskanzlerin noch der regierende Bürgermeister hat sich mit Macht und Fantasie für diesen zentralen Platz der Hauptstadt eingesetzt. Das Humboldt-Forum wäre ein spektakuläres, metropolitanes Zukunftsprojekt, aber es wird behandelt wie ein Bauvorhaben unter vielen. Niemand wirbt mit Nachdruck, der Berliner Senat hat die Lust daran verloren.
Von Anfang an hat man den Eindruck gewonnen, dass es sich beim Stadtschloss um ein potemkinsches Unternehmen handelt. Die preisreduzierten Pläne zeigen das jetzt in aller Deutlichkeit. Bau billig, und vieles mehr. Das Schloss als Schnäppchen. Derweil zieht sich der teure Abriss des Asbestbeladenen Palastes der Republik in die Länge. Nicht vor Ende 2008 soll der Stolz der DDR verschwinden.
Wie wird es einst aussehen auf dem Schlossplatz, sollte die Billigvariante Wirklichkeit werden? Es könnte doch etwas entstehen, was an das Bauwerk erinnert, das sie just abtragen. Nach alledem läuft es – in der viel zitierten Sichtachse der Linden – auf eine überraschende Wiedergeburt heraus: Nennen wir es einfach den Palast der Bundesrepublik.
Der Tagesspiegel, 24.01.2007
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