Autobahn-Beton statt Weltkultur

Autobahn-Beton statt Weltkultur

Zur Aussetzung des Berliner Humboldt-Forums

von Friedrich Dieckmann

Nach den Sparplänen der Bundesregierung wird der Wiederaufbau des Berliner Schlosses bis 2014 auf Eis gelegt. Viele Befürworter des Wiederaufbaus befürchten, dass das Projekt damit begraben wird. Stattdessen investiert der Bund in einen Berliner Autobahnabschnitt. Eine Kolumne des Publizisten und Schriftsteller Friedrich Dieckmann.
Wie muss man es nennen, wenn eine Bundesregierung einen zweimal in den Jahren 2003 und 2007 mit großer überparteilicher Mehrheit gefassten und bekräftigten Bundestagsbeschluss im Stadium unmittelbar bevorstehender Realisierung mit der Begründung übergeht, das Vorhaben passe nicht in die politische Landschaft?

Man kann diesen Eingriff des Kabinetts in die Befugnisse des obersten Staatsorgans nicht anders als einen Staatsstreich nennen. Er betrifft das in intensiver baulicher Planung begriffene Humboldt-Forum, das von 2011 an auf dem geschichtlich bedeutendsten Bauplatz der deutschen Hauptstadt errichtet werden sollte – als ein multifunktionales Bauwerk, das die in dem entlegenen Dahlem in hochgradig sanierungsbedürftigen Gebäuden untergebrachten außereuropäischen Sammlungen der Berliner Museen aufnehmen sollte, dazu die wissenschaftshistorisch überragenden Sammlungen der Humboldt-Universität sowie Bibliotheks- und Versammlungsräume von besonderer Anziehungskraft.

Berlins historischem Zentrum, das auch räumlich die Mitte der wiedervereinigten Stadt bildet, sollte der Mittelpunkt wiedergegeben werden, den einst das im Krieg zerstörte und danach freventlich abgerissene Schloss und zu späteren DDR-Zeiten auf andere Weise der Palast der Republik gebildet hatte.

Der Abriss dieses DDR-Palastes, eines Bauwerks von architektonischem Rang und umfassender Nutzbarkeit, war ähnlich fragwürdig gewesen wie vormals der Abriss der Schlossruine. Ein Vierteljahrhundert lang war diesem Abriss die graue Ödnis eines von einer Tribüne besetzten Aufmarschplatzes gefolgt; nun ist die grüne Ödnis einer riesigen Wiese die langfristige Perspektive dieses Hauptortes deutscher und Berliner Geschichte.
Als Verschiebung getarnte Forumsliquidation
Denn nicht grundlos hat die CDU-Bundestagsabgeordnete Monika Grütters vor einigen Tagen gewarnt: „Die Verschiebung wäre der Tod des Projekts.“ Nicht angetastet durch die Streichaktion wird eine vollkommen überflüssige Berliner Autobahnerweiterung, für deren 3,2 Kilometer die Bundesregierung 420 Millionen Euro bezahlt, kaum weniger, als sie für das geplante Forum ausgeben wollte. Drei Kilometer Autobahn oder ein Weltkulturzentrum – die als Verschiebung getarnte Forums-Liquidation ist kein finanzielles, sondern ein geistiges Armutszeugnis: Autobahn-Beton statt Weltkultur.

Schlechtes Omen für die Demokratie

Die konzeptlosen Widersacher des Projekts, das ein Baustaatssekretär im April noch „das bedeutendste kulturelle Bauvorhaben Deutschlands“ nannte, hoffen darauf, dass ein künftiger Bundestag jene Beschlüsse aufheben werde, in deren Realisierung die jetzige Regierung eingreift. Sie operieren mit einer Forsa-Umfrage, deren Details der Öffentlichkeit bisher vorenthalten blieben. Angeblich belegen sie mangelnden Rückhalt für das Forumsprojekt in der Berliner Bevölkerung. Dort hatte Forsa vor zehn Jahren eine Mehrheit von 80 Prozent für das neue Forum mit den erneuerten Fassaden von Schlüter und Eosander ermittelt.

Dass ein lanciertes lokales Plebiszit eine Bundesregierung dazu ermächtigen hilft, bindende Parlamentsbeschlüsse zu durchkreuzen, ist ein denkbar schlechtes Omen für die Zukunft unserer schwer errungenen Demokratie. Das Vorhaben, erklärt die Regierung, passe nicht mehr in die politische Landschaft? Vielleicht ist es diese Konfusionsregierung, die nicht mehr in die politische Landschaft passt.

www.mdr.de, 11.06.2010