Außen Schlüter innen die Welt

Außen Schlüter, innen die Welt

Hermann Parzinger, der neue Präsident der Preußen-Stiftung, über die Schlüssel zum Schloss
Seit Anfang März führt Hermann Parzinger die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Damit ist der 49-Jährige der mächtigste Kulturbeamte Deutschlands. Gewaltige Aufgaben warten auf ihn: Die Sanierung der Museumsinsel muss zu Ende geführt werden. Die Gemäldegalerie soll in die Stadtmitte ziehen. Und das Kulturforum ist von einem attraktiven Kunstzentrum noch weit entfernt. Vor allem aber ist Parzinger die Schlüsselfigur bei der Realisierung des Humboldt-Forums, das hinter den rekonstruierten Fassaden des Schlosses entstehen soll. Im Gespräch berichtet er von der Planung dieses Jahrhundertprojekts.

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Herr Parzinger, seit zwei Wochen leiten Sie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Welche Überraschungen haben Sie hier bislang erlebt?

Überraschungen gab es eigentlich nicht. Als Präsident des Deutschen Archäologischen Instituts war ich ja bereits in der Museumskommission und im Gesamtbeirat der Stiftung. Ich kenne also die Themen, jetzt steige ich in die Tiefen dieses großen Betriebes ein.

Ihre Umstrukturierungen im DAI werden gerühmt. Es heißt, Sie sollen dort energisch durchgegriffen haben. Besteht in der Preußen-Stiftung auch solch ein Reformbedarf?

Der Begriff „Durchgreifen“ trifft meine Arbeitsweise, glaube ich, nicht wirklich. Zwar lasse ich, wenn ich von etwas überzeugt bin, keinen Zweifel daran, dass ich es auch durchführen will. Es ist jedoch nicht mein Stil, von oben herab durchzuregieren. Es macht keinen Sinn, ohne das Backup der Mitarbeiter irgendetwas zu realisieren. Ob es Reformbedarf in der SPK gibt? Da muss ich erst einmal sehen, wie effizient die Abläufe sind. Ich habe den Eindruck, die Stiftung ist sehr gut aufgestellt.

Die größte Herausforderung für Sie wird der Bau des Humboldt-Forums sein. Wie ist der Zeitplan?

Der Wettbewerb läuft und wenn alles gutgeht, haben wir bis November einen Entwurf, der realisiert werden soll. Die Bauarbeiten vollziehen sich in verschiedenen Phasen. Als Datum der Fertigstellung wird derzeit oft 2013 genannt, aber man muss realistisch bleiben. Eine Einweihung 2015 wäre 25 Jahre nach der deutschen Einheit ein großartiges Zeichen.

Aber noch erscheint es ziemlich vage, wie die unterschiedlichen Einrichtungen im Humboldt-Forum zusammen wirken sollen.

Das Nutzungskonzept ist klar formuliert und in zwei dicken Bänden festgehalten, sodass die Architekten planen können. Wir in der Stiftung, die ja mit den außereuropäischen Sammlungen aus Dahlem dabei sind, müssen uns jetzt überlegen, wie wir vorgehen. Die Frage ist, ob wir die künstlerischen Aspekte stärker in den Vordergrund rücken oder die Objekte vor allem in ihrem Kontext zeigen? Was sagen die Exponate über die Region ihrer Herkunft aus? Wie waren die Gesellschaften organisiert? Unter anderem um solche Fragen geht es derzeit.

Museum, Wissenschaft, Bibliothek, Kino, Tanz, Theater, Gastronomie: Wer wird das alles lenken?

Wir sind uns alle einig, dass ein Intendant eingestellt werden muss. Das betrifft das Geschoss mit den Wechselausstellungen zu den großen Menschheitsthemen und das Kongresszentrum. Vor allem aber die Agora im Erdgeschoss bedarf einer übergeordneten Organisation. Dort soll die ganze Vielfalt der außereuropäischen Kulturen erfahrbar werden. Das alles will koordiniert sein.

Sie schwärmen gerne, dass Humboldt-Forum werde ein „Erfahrungszentrum“ für Kunst und Kultur. Gibt es nicht bereits etliche solcher Erfahrungszentren in Berlin?

Nein, hier entsteht wirklich etwas Neuartiges. Ich meine damit die Verbindung von musealer Präsentation in dauerhafter und wechselhafter Form, von Bibliotheken, Veranstaltungen sowie die Zusammenarbeit mit zeitgenössischen Künstlern. Es wird dabei auch um die Wechselwirkungen von außereuropäischen Kulturen und Europa gehen. Dies alles bietet das Museum normalerweise nicht, darum dieser Begriff.

Was Sie schildern, leistet doch – abgesehen von den Museumssammlungen – schon längst das Haus der Kulturen der Welt.

Mit den Kollegen dort sind wir bereits im Gespräch. Für beide Häuser müssen wir klare Ziele entwickeln, wir wollen keine Konkurrenzsituation. Die Sammlungen werden für das Humboldt-Forum ein entscheidender Faktor sein.

Sie gehören zur Jury, die über die Gestalt des Humboldt-Forums entscheidet. Außen an drei Seiten die rekonstruierten Barockfassaden, innen modern: Wie soll da bedeutende Architektur entstehen?

Natürlich gibt es großartige, radikale Museumsentwürfe, wie sie derzeit in der Ausstellung „Museen des 21. Jahrhunderts“ im Pergamonmuseum zu sehen sind. Aber alles an seinem Platz. Neben dem Hamburger Bahnhof wäre eine futuristische Kunsthalle genial, aber in der historischen Mitte Berlins ist mir das nicht vorstellbar. Hier fügen sich die barocken Fassaden harmonisch ins Stadtbild und schließen die große Sichtachse Unter den Linden ab. Sicher geben die Fassaden einiges vor, aber im Inneren ist genügend architektonischer Gestaltungsspielraum. Die Aufgaben sind vielschichtig, den Architekten muss es gelingen, die unterschiedlichen Faktoren des Humboldt-Forums zusammen zu bringen – ästhetisch, aber auch funktional. Das ist doch eine hochattraktive Aufgabe.

Wurde eine eine solche Aufgabe schon einmal irgendwo bewältigt?

In dieser Form ist das Humboldt-Forum etwas ganz Neues.

Sie sagten in einem Interview, dass Fenster der Schlüter-Fassaden durchaus verschoben werden könnten, wenn es die Räume dahinter erforderten. Es ist kein gutes Omen, wenn solche Kompromisse jetzt schon möglich sind.

Im Bundestagsbeschluss ist der Rahmen festgeschrieben, wie die Außenarchitektur aussehen soll. Ich bin gespannt darauf, wie die Architekten die Herausforderung annehmen werden, die innere Struktur mit der äußeren zu verbinden.

Sie haben sich deutlich dazu bekannt, die Gemäldegalerie vom Kulturforum in die Stadtmitte zurückzuholen. Dafür muss ein Neubau auf dem Kasernengelände gegenüber dem Bode-Museum errichtet werden. Woher nehmen Sie den Optimismus, diesen neben den Riesenvorhaben auf der Museumsinsel und im Humboldt-Forums auch noch politisch durchzusetzen?

Weil ich denke, dass sich überzeugende Konzepte durchsetzen lassen, zumal wenn sie mehrere Probleme gleichzeitig lösen. Ich finde die Idee faszinierend, die Peter- Klaus Schuster und Klaus-Dieter Lehmann schon 1999 ins Spiel brachten. Wenn wir auf der Museumsinsel die europäische Kunst von ihren Wurzeln bis ins 19. Jahrhundert versammeln, dann gehören die Alten Meister unbedingt dazu. Zudem könnten wir dadurch die jetzige Gemäldegalerie nutzen, um endlich die Kunst des 20. Jahrhundert angemessen zu zeigen. Sie muss ja derzeit viel zu oft den Sonderausstellungen in der Neuen Nationalgalerie weichen. Das Kulturforum würde damit zum großartigen Zentrum der Moderne, während sich die zeitgenössische Kunst im Hamburger Bahnhof konzentriert. Es ist klar, dass wir hier auch private Finanzierungen einbeziehen müssen. Wir können nicht erwarten, dass der Bund dafür zu hundert Prozent aufkommt.

Aber die Zeit drängt. Zum Kulturforum gehört ja auch Mies van der Rohes Museumsikone, die Neue Nationalgalerie. Der Bau ist so marode, das einen das Grausen befällt.

Da besteht in der Tat ein gewisser Zeitdruck. Auch hier werden wir Wege finden müssen, private Mittel einzubinden.

Sie wollen in der Gegenwartskunst noch intensiver mit Sammlern zusammenarbeiten. Nun gab es in den letzten zwei Jahren mit Sammlern in einigen deutschen Museen erhebliche Schwierigkeiten. Auch in Berlin.

Die Museen der Stiftung haben einen lächerlich geringen Ankaufsetat, da ist es eine großartige Chance, solche hochkarätigen Bestände ins Haus zu bekommen. Doch die Zusammenarbeit muss für beide Seiten fair bleiben. Für uns darf es keine Auflagen geben, die wir als Kröte mit den Leihgaben schlucken.

Sie haben immer gerne von der „scientific community“ geschwärmt. Sie sind ein hoch erfolgreicher Archäologe und ein erfahrener Wissenschaftsmanager. Wie wollen Sie als Stiftungspräsident und vielgefragter Kulturpolitiker noch wochenlang im Altai-Gebirge nach Skythen-Gräbern graben?

In dieser Hinsicht fiel mir der Wechsel nicht ganz leicht. Vieles ändert sich jetzt mit der Komplexität der neuen Aufgabe. Aber ich will die Wissenschaft nicht ganz aufgeben. Im Sommer beginnt eine Grabung in Kasachstan, nicht weit von Almaty. Das Team ist sehr gut, da kann ich mit kurzen Aufenthalten dabei sein. Und die modernen Kommunikationsmittel machen vieles möglich. Aber vor allem dem neuen Amt gilt meine volle Kraft.

Die Fragen stellte Sebastian Preuss.
Berliner Zeitung, 15.03.2008