Auferstanden in Ruinen
ABBA bolschewistisch: Der „Volkspalast“ ist zur kulturellen Zwischennutzung eröffnet
Von Katrin Pauly
Ihren alten Ausweis hat Valentina Stühler immer noch. Sie war Mitarbeiterin im Einlassdienst des Palastes der Republik und zeigt nicht ohne Stolz das kleine Stück Papier. Dann sagt sie leise: „Uns haben sie ja gar nicht richtig gekündigt.“ Jetzt steht sie auf dem roten Teppich, direkt vor dem Palast. Eine Dame am Rand nickt und erzählt, wie es war, als sie damals im September 1990 um 10.30 Uhr den Anruf bekam mit der Aufforderung, dass alle Türen des Palastes sofort geschlossen werden müssten. Fünf Jahre habe sie dort gearbeitet, es seien die glücklichsten in ihrem Leben gewesen. Sie sind hier, um sich anzuschauen, was aus dem, was sie kennen, geworden ist. Andere sind da, um sich anzuschauen, was sie gar nicht kennen. Die zweite Gruppe ist in der Überzahl.
14 Jahre, nachdem der einstige Amüsier- und Agitationspalast der DDR wegen Asbestverseuchung geschlossen wurde, öffnete er am Freitag als „Volkspalast“ wieder die Tore. Zwar gab es 2003 mit dem Musikprojekt „Wagnerkomplex“ schon eine erste Zwischennutzung, zwar bewachten schon chinesische Tonkrieger den Sarkophag der DDR, aber jetzt präsentiert die Initiative „Zwischen Palast Nutzung“ nach zähem Ringen erstmals ein komplettes kulturelles Programm über einen längeren Zeitraum. Bis zum 9. November übernehmen die Künstler die Regie und knipsen jeden Abend in „Erichs Lampenladen“ die Lichter wieder an für Musik, Tanz, Filme, Workshops.
Das Volk kommt in Massen zur Eröffnung und darf sich als König fühlen. Edle Limousinen kutschieren die Besucher um den Schlossplatz. Im Auto mahnt eine Stimme: „Schauen Sie nach vorn!“ und lädt ein zur „Jungfernfahrt nach geradeaus“. Heute will keiner daran denken, dass das Palastskelett laut Bundestagsbeschluss schon im nächsten Jahr abgerissen werden soll, heute darf es alle seine Möglichkeiten präsentieren.
Das Volk bekommt sein Haus zurück, aber es muss es sich neu erobern. Zunächst über den roten Teppich, danach: Posieren zum Gruppenbild. Performer Martin Clausen dirigiert eisern: „Nicht so albern, everybody looks here“, alle 15 Minuten darf einer das rote Band durchschneiden. Drinnen dann: Trubel auf zwei Etagen. Helium-Ballons mit kleinen NVA-Soldaten aus Eis steigen zu den nackten Stahlträgern empor, auf die Leinwand im unteren Eingangsbereich überträgt die Performance-Gruppe Gob Squad ihre „Volks-Promi“-Berichterstattung, immer wieder liefert jemand eine von zu Hause mitgebrachte Stehlampe auf der großen Fläche hinter der Treppe ab. Die alten Lampen sind ja nicht mehr da, also bringen die Genossen die eigene mit, die dafür mit der Auszeichnung „Zertifizierte Volksleuchte des basisdemokratischen Lichtermeers“ veredelt wird.
Oben im ehemaligen Festsaal treffen wir wieder auf Valentina Stühler. Sie guckt staunend auf die Besucher, die auf Anraten einer Stimme aus einem kleinen Transistorradio mit roter Kreide Flucht-Linien auf den Boden zeichnen. Dann beginnen schon die Volks-Fest-Reden. Kultursenator Thomas Flierl beschwört den Palast als „Rohbau für eine Zukunft mit dominant öffentlicher Nutzung jenseits der ideologischen Konfrontation von retrospektivem DDR-Palast und ebenso rückwärts gewandt gedachtem Schloss.“ Und Amelie Deuflhard, Leiterin der Sophiensäle und Mitgründerin der Initiative „Zwischen Palast Nutzung“ versteht das Programm der nächsten drei Monate als einen „Vorschlag für eine qualifizierte, experimentelle Nutzung, die den Bürger ernst nimmt: als Zuschauer, aber auch als Akteur unserer Gesellschaft.“ Danach gibt’s Tanz bis in die Nacht.
Valentina und die anderen sind längst zu Hause, als die Bolschewistische Kurkapelle Schwarz Rot „The Winner Takes It All“ von ABBA spielt. Wer hier am Ende der Sieger sein wird, steht noch nicht fest. Die Abrissbefürworter scheinen vom Bundestag Recht bekommen zu haben, aber jetzt zeigen erst mal die Künstler die Chancen, die in den 1000 Kubikmetern umbautem Raum stecken. Momentaner Gewinner ist in jedem Fall das Volk. Es scheint in dieser ausgelassenen Nacht genau zu wissen, was es will. Und das hat schließlich schon einmal funktioniert.
Nächste Veranstaltungsreihe: „Le Bal Moderne“, der Palast tanzt. Tel.: 20 91 46 80. Termine: Heute 20 Uhr, morgen 18 Uhr; 26. 9., 3. u. 17. 10.
Berliner Morgenpost 22.08.2004
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