Architekt Libeskind kritisiert Schloss-Pläne
Architekt Daniel Libeskind hat den originalgetreuen Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses kritisiert. „Ich glaube nicht, dass man Architektur und Geschichte einfach zurückspulen und so tun kann, als sei nichts geschehen“, sagte der US-Amerikaner in Berlin. „Ich kann verstehen, dass Menschen wieder in Berührung mit einem Gebäude kommen wollen, das zerstört wurde. Aber mit einer nostalgischen Fassade wird so etwas nicht gelingen“, sagte der Architekt des Jüdischen Museums Berlin.
„Berlin ist zu außergewöhnlich, um ein Postkarten-Stadtschloss wieder aufzubauen“, kritisierte der gebürtige Pole. Anders als beim Warschauer Stadtschloss, das unmittelbar nach dem Krieg wieder aufgebaut wurde, seien seit der Sprengung des Hohenzollern-Schlosses Jahrzehnte vergangen. „Jeder Ort hat sein eigenes Gedächtnis, aber angesichts der Zerstörung müssen wir die Erinnerung mit einer zeitgenössischen Sprache wachhalten“, sagte der 61-Jährige, der auch das in der vergangenen Woche eingeweihte Glasdach für den Innenhof des Jüdischen Museums entworfen hat.
Libeskind will kreative Architektur
Statt einer Rekonstruktion der Originalfassade sprach sich Libeskind für einen neuen Entwurf für das künftige Humboldt-Forum aus. Dabei sollten allerdings die Proportionen des einstigen Stadtschlosses berücksichtigt werden. „Wir brauchen aber eine kreative Architektur-Sprache“, betonte er.
Libeskind, der zurzeit unter anderem am Militärmuseum in Dresden arbeitet, hat auch das Grundkonzept für den Wiederaufbau der am 11. September 2001 zerstörten Zwillingstürme in New York entworfen. Gegen seine Pläne hatte es heftigen Widerstand aus der Politik und von den Investoren gegeben. „Aber ich bin nicht enttäuscht worden“, sagte Libeskind. „Ich wusste, es würde nicht einfach sein, aber der Kampf hat sich gelohnt“, sagte der Architekt.
Für das Berliner Stadtschloss soll nach der Planung im November der Architekturwettbewerb beginnen. Nach der Entscheidung des Bundestags sollen drei der vier Fassadenseiten nach dem Original wieder aufgebaut werden. In dem Schloss sollen mit dem Humboldt-Forum die außereuropäischen Schätze der Berliner Museen unterkommen. Doch zuletzt hat der Haushaltsausschuss des Bundestages die Planung für den Wiederaufbau gestoppt. Hintergrund dafür ist ein Bericht der Bundesregierung, wonach die Kosten des Mammutprojektes weit höher liegen, als die von Bundesbauminister Wolfgang Tiefensee (SPD) veranschlagten 480 Millionen Euro. Außerdem zweifeln die Parlamentarier daran, dass der Schlossförderer Wilhelm von Boddien die zugesagten 80 Millionen Euro Spenden einsammeln kann. Die Bundesregierung muss den Haushältern jetzt eine konkrete Kostenplanung für das Schloss vorlegen.
Senat gegen Palast-Erinnerung
Berlins Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) sprach sich gegen den Vorschlag von Bundesbauminister Tiefensee aus, mit der Gestaltung der vierten, modernen Seite des Humboldt-Forums an den Palast der Republik zu erinnern, der derzeit abgerissen wird. „Ich bin sehr skeptisch, wie so ein Erinnern gestaltet werden sollte“, sagte die SPD-Politikerin. „Das pure Wiederholen von Fassadenteilen des Palastes kann es nicht sein. Das pure „Hammer und Sichel‘ kann es auch nicht sein. Die typische Bronze-Farbe der Fenster des Palastes zu wiederholen, kann es auch nicht sein. Dann stellt sich schnell die Frage, ob es Kunst oder Kitsch ist.“
Berliner Morgenpost, Die Welt, 01.10.2007
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