Angekommen in der Mitte

Angekommen in der Mitte

Es gibt keine Überraschungen mehr in der Berliner Schlossdebatte? Wie wäre es hiermit: 63 Prozent der Berliner Jungwähler freuen sich auf die rekonstruierten Schlossfassaden im Herzen der Stadt. Die zwischen 18- und 24-Jährigen zeigen von allen Altersgruppen die höchste Zustimmung zum Wiederaufbau des einstigen Hohenzollernschlosses als „Humboldt-Forum“. Wo es doch zuletzt angeblich so cool war, sich zeitgenössische Kunst in der Ruine des Palastes der Republik anzuschauen.
Selbst unter den Anhängern der Linkspartei in Berlin sind es fast 40 Prozent, die sich auf die Barockfassaden Schlüters freuen. Infratest dimap hatte im Auftrag der „Berliner Morgenpost“ 1000 repräsentativ ausgewählte Berliner gefragt: „Finden Sie, dass ein Bau mit historischer Schlossfassade in der Stadtmitte gut für Berlin ist oder nicht?“Bei so viel Zustimmung in den Milieus vermeintlicher Schlossgegner ist das Gesamtergebnis der jüngsten Schloss-Umfrage entsprechend deutlich: 58 Prozent der Berliner begrüßen den Wiederaufbau der historischen Fassaden, 39 Prozent halten nichts davon. Nach Parteipräferenz aufgeschlüsselt wurden im sozialdemokratischen Milieu 60 Prozent Zustimmung gemessen, bei den Anhängern der CDU sind es 79 Prozent. Dem Volkshaus aus DDR-Zeiten trauert kaum noch jemand nach: Ganze fünf Prozent der Befragten sagen, der Palast der Republik hätte nicht abgerissen werden dürfen.Nach Stadthälften getrennt ergeben sich erwartungsgemäß unterschiedliche Trends, aber die Polarisierung ist nicht mehr so groß wie in den ersten Jahren der Schlossdebatte. So wird im Westteil der Stadt die Errichtung des „Humboldt-Forums“ von 64 Prozent begrüßt, während im Berliner Osten 49 Prozent der Befragten die Baupläne gutheißen.Es hat sich viel bewegt in der Einstellung zu einem Wiederaufbau des Berliner Schlosses. Noch vor sieben Jahren, als die WELT zuletzt detailliert die Meinung der Berliner zur Gestaltung der Mitte erfragen ließ, hatten sich 36 Prozent für das Schloss ausgesprochen, 29 Prozent für den Palast und immerhin 23 Prozent für einen Park.Längst ist die Frage nicht mehr politisch aufgeladen. Anders als noch vor Jahren käme heute keiner mehr auf die Idee, den Umgang mit dem Palast der Republik zum Prüfstein für den Umgang des vereinten Landes mit den Menschen in den neuen Bundesländern zu erklären. Das Schloss-Projekt ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.
Die Welt, 08.05.2007