An den Pranger mit ihnen! Wer beim Wettbewerb mitmacht, verrät die Zunft
von Falk Jaeger
Dass zeitgenössische Baukunst nicht mehr populär und mehrheitsfähig ist, wird von der Architektenschaft eher verstört zur Kenntnis ¬genommen. Beispiel Berliner Schloss: Dort ist das Kind in den Brunnen gefallen. Der Verkehrsminister hat den Wettbewerb für den Wiederaufbau ausgeschrieben, der drei historische Fassaden zwingend vorschreibt. Das Ergebnis wird eine Missgeburt sein, mit einer modernen Seite an der Spree, womöglich mit einer modernen Kuppel, und mit einer ins preußische Sandsteinkorsett gezwungenen zeitgenössischen Nutzung.
Aber die Architektenschaft ist an dem Desaster der Baukultur nicht unschuldig. An ernsthaften Alternativen hat es zwar nicht gefehlt, doch zu viele Vorschläge und Ideen kamen als unausgegorene Hirngespinste oder dümmliche Albereien daher. Mit Ironien wie einem Rummelplatz innerhalb der Schlosshülle, einer Anlage für Beachvolleyball, einem Schloss in Aspik oder einer neuen Aufmarschachse hat man die Menschen nur verschreckt und alles Vertrauen in die Fähigkeiten der zeitgenössischen Architektur verspielt. Die Schlossbefürworter zeigten einfach vergilbte Fotos herum und gewannen alle Herzen.
Sollen sie ihr Faksimileschloss nun also bauen.
Doch Baukultur, die sich der Auslober so gerne auf die Fahnen schreibt, geht anders. Umso ärgerlicher, dass sich die Architekten nicht empört abwenden! Was hat ein Rationalist wie Giorgio Grassi in dieser Innenarchitekturjury zu suchen, was eine Gesine Weinmiller? Und was der Stadtplaner Peter Zlonicky? David Chipperfield mag sich mit britischer Höflichkeit nicht getraut haben, abzusagen, aber konnte man nicht von einem Peter Kulka erwarten, dass er mit flammenden Worten den Bettel hinschmeißt? Er wolle das Schlimmste verhindern, erklärt er treuherzig, aber was soll denn noch Schlimmeres kommen, aus der Sicht seiner radikalen architektonischen Position?
Die Kammergewaltigen mögen sich mit den formalen Merkwürdigkeiten des Wettbewerbs auseinandersetzen. Vom Olymp des BDA indes erwarten wir Blitz und Donner und der Vorstand sollte schleunigst beschließen, dass alle Mitglieder, die sich die Ausschreibung beschaffen, strengstens verwarnt, und alle, die einen Entwurf abgeben, mit 33 Tagen Pranger und unehrenhafter Tilgung aus den Mitgliederlisten bedacht werden.
15 hochwohlmögende Preisrichter, die sich über höchstens elf eingegangene mediokre Entwürfe irgendwelcher architektonischer Hazardeure beugen und dann seufzend das Mandat zurückgeben, das müsste das hehre Boykottziel sein.
Professor Dr. Falk Jaeger ist Bauhistoriker in Berlin
Deutsches Architektenblatt, 19.01.2008
Deutsch
English
Francais
