Abriss um jeden Preis
Kommentar von Nikolaus Bernau
Als vor zwei Wochen die Kurzversion der Machbarkeitsstudie für den Schlossplatzneubau mit großem Trara vorgestellt wurde, fiel zweierlei auf: Das Bundesfinanzministerium war nicht unter den hoffnungsfrohen Schlossfreunden um Bauminister Stolpe; und Berlins Bausenatorin Ingeborg Junge-Reyer applaudierte, als dieser ein Viertel der Baukosten faktisch der Stadt überantwortete.
Inzwischen wissen wir Dank des selbstlosen Engagements einer Gruppe junger Architekten, dass die Machbarkeitsstudie eher Risikostudie genannt werden müsste. Doch selbst wenn alle Gefahren im Untergrund und bei der Finanzierung umschifft werden könnten: Angekündigt sind 900 Millionen Euro Gesamtinvestition. Ein Viertel davon sind 225 Millionen Euro. Gestreckt über 30 Jahre, wie die Machbarkeitsstudie avisiert, sind das pro Jahr 7,5 Millionen Euro.
Wenig oder viel? Berlin schloss kürzlich wegen 3,4 Millionen Euro die erfolgreichen Berliner Symphoniker, es hat kein Geld für das Stadtmuseum, für Straßen, Schulen, Bürgersteige, die Bekämpfung der Miniermotte. 7,5 Millionen Euro pro Jahr sind sehr viel Geld in einer armen Stadt wie Berlin.
Warum stimmt die Bausenatorin also solchen Plänen zu und betreibt mit Vehemenz den Abriss des Palastes der Republik, statt Alternativen aufzuzeigen? Sie sagt, Berlin sei nur Ausführender von Bundestagsplänen. Doch wenn der Abriss vor den Wahlen 2006 geschieht, hat er auch einen innerberlinischen Zweck: Die SPD kann zeigen, dass sie den Partner PDS domestiziert hat. Und die PDS kann tränenumflort bekennen, dass sie redlich, jedoch vergeblich kämpfte, ohne einen Koalitionskrach zu riskieren. Wenn aber das Gerüst stehen bleibt, gar weiter kulturell „zwischengenutzt“ wird, bleibt das Thema „Sinn des Abrisses“ erhalten.
Jede Machbarkeitsstudie bekräftigte bisher den außerhalb Berlins schon jetzt vorherrschenden Eindruck, dass ein Palastabriss vorschnell wäre. Doch nur mit diesem meinen die Wahlkämpfenden im Bund und im Land, Durchsetzungsfähigkeit und Stärke beweisen zu können. Also heißt es: Augen zu angesichts der Kosten. Und wenn die eigenen Gutachter vor Risiken warnen: Haltet sie geheim!
Berliner Zeitung, 06.09.2005
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